Strategien der Unwissenheit

Gertraud Benke

Forschungsschwerpunkt: Diskurs, Politik, Identität

an der österreichischen Akademie der Wissenschaften,

Strohgasse 45/8

A – 1030 Wien

Email: Gertraud.Benke@univie.ac.at

 

 

Inhalt

1.  „Vernichtungskrieg, Verbrechen der Wehrmacht von 1941 bis 1944“,
Kernaussage: Die Wehrmacht war als Organisation für eine Reihe von Verbrechen (mit)verantwortlich:

-         Teile der Wehrmacht waren am Völkermord der Juden im Osten aktiv beteiligt,

-         Die Wehrmacht war verantwortlich für die Ermordung von Millionen von sowjetischen Kriegsgefangenen sowie Plünderung und Verwüstung der besetzten Gebiete

-         Beteiligt am systematischen Mord der sowjetischen Zivilbevölkerung („Partisanenkrieg“)

2.  Interviews von ca. 75 ehemaligen Soldaten in Wiener Ausstellung

3.  Strategien des Umgangs mit den Verbrechen (siehe Abbildung)

4.  Diskussion zweier Strategien (positive Selbstdarstellung, Umgang mit Wissen)

5.  Opferthese und Wissensmanagement

 

 

Beispiele für einzelne Strategien:

1.    Kommunikationsverweigerung

Aber wie lang sollen wir denn noch immer wieder noch weiter uns das anhören....... (Na, ewig!).........irgendwann muß ja eine Ruh' sein!

2. „Wissensmagangement“ - Unwissenheit     

I: Ja, aber die Leute in den deutschen, von den Deutschen betriebenen Konzentrationslagern wie Auschwitz oder Mauthausen, hätten die auch mit Disziplin überleben können?

M: Das weiß ich nicht. Ich hab' das Lager ja nie gesehen.

 

M: Ja, Moment, '38. Ich war dreieinhalb Jahre beim österreichischen Bundesheer, weil ich arbeitslos war, 50 Groschen bekommen habe am Tag, beim Bundesheer usw. Da hat man nicht gewußt, was da los ist. Man war.....ist.....ich meine, frage sie selbst, Sie sind ja auch irgendeine xxx ........na, oder haben Bekannte. Ein Mensch, wenn ich ihm die Uniform anziehe, ist ein anderer Mensch. Und wenn ich den kaserniere, weiß er nicht, was 500 Meter vor ihm passiert. Das weiß kein Mensch, was hier passiert. Und glauben Sie, daß der Soldat im Februar..........ich war ja nur nicht dabei beim Februarputsch, gewußt haben, wie er in xxx-hof hineingeschossen hat? Hat nicht gewußt, was da los ist. Der ist von der Steiermark heraufgekommen: "Die roten Weana!" und da hat er seine Kanon' geladen und hat hineingeschossen. Aber was wirklich los war, hat er nicht gewußt.

 

I: Und haben Sie da Dinge gesehen, die man auf diesen Fotos hier...

M: Nein, eigentlich nicht. Wo ich eingesetzt war mit meiner Kompanie kann ich eigentlich sowas nicht feststellen. Aber wie gesagt, ich bin dann ja rasch wieder von Rußland Gott sei Dank weggekommen und nach Afrika

3.    Opfer

M: Ich bin in ........xxx war es, ja..........Gefangenschaft war ich bei den Franzosen.........Ich habe das Schweizer Rote Kreuz und hat gesagt den Leuten: "wie geht's Ihnen?" — "Danke, gut." "Danke gut." — Da habe ich aufgezeigt, sage ich: "Bitte schreiben Sie die Adresse meiner Mutter und meiner Frau auf." Sagt er: "Warum?" Sage ich: "Wenn Sie hinausgehen, und ich werde erschlagen, daß man weiß, wo ich erschlagen wurde." Das hat er getan. Dann sage ich: "Bitte stellen Sie die Leute auf eine Waage, da werden Sie mehr wissen, es traut sich ja keiner was sagen." Ist er weg gewesen und nach einer Stunde oder nach zwei ist er mit so einer Dezimalwaage wie beim Kohlehändler gekommen. Er hat mich als einzigen auf die Waage gestellt: Ich habe 40 kg gehabt.

4.    Pflicht & Andere haben das getan

I: Sie haben gesagt, Sie haben xxxx nicht gehört. Was hat man Euch gesagt xxx kämpfts.

 

M: Pfu kämpfen, das ist - wir sind alle keine begeisterten Anhänger gewesen, aber als Soldat müssen sie ja ihre Pflicht erfüllen. Da ist ihnen ja nichts anderes übriggeblieben. Ich habe nur das Glück gehabt, daß ich bei keiner kämpfenden Truppe war.

 

I: Nein nein ich meine weil Sie gesagt haben, daß von diesen bolschewistischen...xxxx Reichenau befohlen hat - also sie haben das gar nicht gehört. Das war ja eigentlich der ganze Krieg, um den Bolschewismus zu....xxx

 

M: Aber ich glaube, da ist es uns - das Ding ist uns gar nicht so zu Ohren gekommen. Wenn Sie nicht selbst bei so einer Truppe gewesen sind -Also wie der Major Redl in Charkow oder in Rostow unten. Da habens die SS hineingeschlacht. Sie habens mir erzählt im Lazarett die Soldaten und wieder zurückgeschlagen. Natürlich die Ohren abgeschnitten, alles - ich will das gar nicht erwähnen.

4.      „Geschichte“

Na schauen Sie, ich werde Ihnen jetzt nicht meine Lebensgeschichte erzählen. Da denke ich gar nicht daran. Aber ich meine, daß die Leute. . daß in Serbien... Serbien war ein Krieg, der überhaupt nicht beabsichtigt war von der deutschen Seite. Weil man Serbien nicht mit 380.000 Mann besetzen kann. Es war vorgesehen, daß man mit Serbien einen Nichtangriffspakt macht, dadurch hätten die Serben, also das damalige Jugoslawien sehr viel Geld verdient, denn unser Eingriff ja nur vorgesehen war in Griechenland. Und da hatten wir die Landverbindung. Wir waren in Albanien unten und wir waren in Bulgarien, Rumänien und Ungarn. Da wurde - allerdings in ultimativer Form - ein Nichtangriffs- und Freundschaftspakt gefordert. Die serbische. Regierung ist darauf eingegangen und die war 5 d später gestürzt von den Generälen. Jetzt ist es logisch, daß die Ablehnung eines Nichtangriffspaktes an ein kriegführendes Land selbstverständlich als Kriegserklärung aufgefaßt wird. So ist die für Griechenland vorgesehene Armee, die zum Großteil in Kärnten gestanden ist und auch in Ungarn, sofort einmarschiert.

5.      Positive Selbstdarstellung

Nein, mir ist nichts passiert. Ich habe auch eine zweite Erfahrung gemacht, eben bei dieser Landesschützenkompanie. Ich war damals schon Gefreiter und ich war an diesem Tag der Gefreite vom Dienst und der Oberleutnant gibt mir einen Befehl. Und zwar ist folgendes passiert: Sie haben im Wald einen entlaufenen russischen Kriegsgefangenen jungen Mann im Alter von um die 20 J. herum gefangengenommen noch in der russischen Uniform und er hat mir den Befehl gegeben, ich soll mit dem Mann in den Wald gehen und die Sache erledigen und ohne den Mann zurückkommen. Ich habe daraufhin dem deutschen Oberleutnant gesagt: Ich bin der Gefreite vom Dienst. Ich darf mich nach dem Dienstreglement von der Stelle nicht bewegen. Daraufhin hat er mich böse angeschaut und gesagt: Das ist erledigt. Ob er einem anderen den Befehl erteilt hat, was dann mit dem russischen Kriegsgefangenen geschehen ist, weiß ich nicht. Mir ist überhaupt nichts passiert.

6.      Andere sind auch nicht besser, Klischees

Ich bedaure sehr, wenn ein Übergriff in einem Krieg - in einem Krieg gibt es immer die Übergriffe. Da gibt es den Helden, der Mensch, der sich einsetzt für Kameraden, und dann gibt es die Perversen. Die haben das auch, die Möglichkeit, ihre Abart auszuleben. Und in einem Krieg ist es halt nun mal so,

Ich betrachte nicht die Wehrmacht als Verbrecher. Die haben sich benommen wie alle anderen Soldaten. Meistens besser als die anderen. Und von den Juden... also wenn Sie mich fragen, ich habe ja gar keine gesehen. Das einzige Mal, wo ich Juden gesehen habe, das war eine Arbeitskolonne, die waren aus dem KZ und die haben Holz abgeladen am Bahnhof.

7.      NS-propaganda –

und ich muß Ihnen sagen: Etwas hat ja - da kann man zu Hitler stehen, wie man will, ja? Wenn es die Deutsche Wehrmacht nicht gegeben hätte, dann wären die Sowjets heute am Atlantik. Das muß man einmal auch feststellen. Denn diese Angriff, der da vorgetragen wurde von den Sowjets, der hat ja Europa gegolten.

8.      Opfer-Täter-Umkehr

aber wenn ich schon hier lese von dem Partisanenkrieg, der von uns vom Zaun gebrochen worden ist..........Wenn es keine Partisanen gegeben hätte, hätte es keine Partisanenkriege gegeben.

9.       Leugnung, „positive Geschichten“

M: Ich war an der Ostfront und war nachher 4 ½ J in russischer Gefangenschaft. (Zwischenruf) Ich habe in meiner Einheit das nicht erlebt, mehr kann ich Ihnen nicht sagen. Ich habe gerade, ich weiß nicht, ob Sie gerade daneben gestanden sind oder nicht, ich habe selbst auch mit meiner Einheit russische Gefangene gemacht. Die waren von ihrem System her informiert, sie werden sofort erschossen. Der hat sich gewundert, wie er nicht erschossen wurde. Wir haben ihn normalerweise nach hinten weitergereicht. Wir haben diesen Leuten nichts gemacht

I: Und was ist hinten passiert?

M: Das weiß ich nicht, weil ich nicht hinten war, sondern weiter vorne. Das ist nämlich der Unterschied.

 

 

 


Wir von anderen gezwungen wurden

(Opfer-Täter-Umkehr)

 

Kommunikationsverweigerung

 

Wissenschaftliche-Abstrakte “Erklärungen” der NS-Zeit (rationalization)

 

Versuch zu Verstehen und zu verarbeiten

 

Anerkennen der Kriegsverbrechen

 

Opfer-geschichten

 

Es gibt Verbrechen, aber

 

 

Gegenbeispiele

Positive Beispiele  (wir)

negative Beispiele (andere)

 

Bei uns (Individualisierung & Generalisierung )

 

Das gab es nicht

 

weil

 

Es richtig war

 

Andere sind nicht besser

(Klischees, „Krieg ist Krieg“)

 

Wir taten es

 

Andere Einheiten (SS, SD)

 

Wir waren nicht beteiligt

 

Unsere Pflicht

 

Keine Kontextualisierung

 

Umgang mit persönlicher Scham und Schuld

 

Positive Selbstdarstellung

 

Kontextbezogene Strategien

 

„Wissens-management“