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Referate bei der Tagung 2007Oberwart, 24.März 2007
Klaus Amann Heimrad Bäcker - nachschrift Heimrad Bäcker wurde am 9. Mai 1925 in Wien geboren und ist am 8. Mai 2003 in Linz gestorben. Er konnte also nach 1945 mit seinem Geburtstag zugleich auch die Befreiung vom Nationalsozialismus feiern. Am 58. Jahrestag der Kapitulation des Dritten Reiches ist er gestorben. Es berührt eigenartig, daß ein Leben und ein Lebenswerk, das so bestimmt war vom Krieg und von der Erfahrung des Nationalsozialismus wie das Heimrad Bäckers, auf solche Weise mit dem Datum von Kriegsende und Befreiung verknüpft ist. Zum besseren Verständnis dieses Lebenswerks will ich Ihnen deshalb auch ein Weniges über sein Leben erzählen.1 Heimrad Bäcker erkrankte 1931, mit sechs Jahren an Kinderlähmung. Die Pflichtschulen besuchte er in Ried im Innkreis und in Linz. Beim Anschluß Österreichs an das Dritte Reich war er dreizehn. 1941, mit sechzehn, wurde er Volontär im Lokalteil der Linzer Tages-Post, 1943 Mitarbeiter der HJ-Gebietsführung Oberdonau. Bäcker schreibt, seine Familie habe den ‚Anschluß‘ als „Verbesserung“ erlebt. Seine Eltern waren vor 1938 jahrelang ‚ausgesteuert’ gewesen, also arbeitslos, ohne Anspruch auf Unterstützung und daher völlig verarmt und verelendet. Nach dem ‚Anschluß‘ bekam der Vater Arbeit. Die fünfköpfige Familie konnte aus ihrer Kellerwohnung in eine Wohnung mit Bad umziehen. Da Bäcker durch seine Kinderlähmung leicht behindert war, bot die HJ dem sozial deklassierten und geistig orientierungslosen Jugendlichen die Möglichkeit, Teil einer Gemeinschaft zu sein, die ihn sein körperliches Handicap und seine Herkunft nicht spüren ließ. 1943, achtzehnjährig, trat er der NSDAP bei. Die Rezensionen, Artikel und Texte, die er in dieser Zeit für lokale Blätter schrieb, sind, wo es sich nicht um bloße Berichte handelt, pathetische Andachtsübungen eines jugendlich Begeisterten und Gläubigen, eines Ministranten des Führers gleichsam, der mit dem Anstimmen seiner Hymnen offenbar seine eigene Bedeutungslosigkeit übertönen wollte. Es sind, wie Bäcker, schonungslos bis zur Selbstdemütigung, in einer Nachbemerkung zu seinem literarischen Hauptwerk nachschrift2 formuliert hat, Dokumente einer „imbezile[n = schwachsinnigen] Verehrungswut“. 1943 schrieb er in einem dieser Texte: „Nicht weil ich weiß, bin ich glücklich – aber daß ich glaube, erfüllt mich ganz.“ Insofern sind es auch zeittypische Belege für die Wirkung der pseudoreligiös verbrämten Heils- und Erlösungspropaganda der Nazis, die zum Äußersten entschlossen waren und es auch ins Werk setzten, es aber für die Gläubigen hinter Begriffen wie ‘sozialpolitische Notwendigkeiten‘, „Maßnahmen“, „Sonderbehandlung“, „Sonderaktion“ oder „Endlösung“ unkenntlich zu machen versuchten. Die Texte des jugendlichen Bäcker belegen den Erfolg dieser Strategie: nämlich die Überwältigung und Vernichtung der Vernunft, des Mitgefühls und des Wissens durch blindmachendes Glaubenwollen an den ‚Führer’ und die ‚Bewegung’ Als die alliierten Streitkräfte dem deutsch-österreichischen ‚Nationalbestialismus‘, der, nach Michael Guttenbrunner, ‚Orden‘ auf ‚Morden‘ reimte,3 ein Ende machten, war Heimrad Bäcker noch keine zwanzig Jahre alt. Nach der Befreiung von Linz kommandierten die Amerikaner ihn zur Arbeit in das Lager Mauthausen. Er habe, sagte er in einem Interview, damals noch nicht im vollen Umfang begriffen, was dort geschehen war, doch die direkte Konfrontation mit dem Unvorstellbaren setzte etwas in Gang, das er selber als einen „Prozeß“ bezeichnet hat, der erst mit dem Tod des Autors zuende sein könne. Es ist auch ein Prozeß, den der Autor sich selber machte. Heimrad Bäcker teilte mit vielen seiner Generation das Gefühl, daß der Nationalsozialismus seine Ideale und Talente mißbraucht und ihn um entscheidende Jahre seines Lebens gebracht hat. Doch seine Reaktionen zeigen nichts von dem für seine Generation so charakteristischen Selbstmitleid und sie zeigen auch nichts von der in Österreich so verbreiteten Neigung zu jener humorigen „Pathologie der österreichischen Vergesslichkeit“, wie Franz Schuh das genannt hat, die aus der „Koketterie mit dem Verdrängten“ entsteht und die in der Liedzeile aus der Fledermaus: „Glücklich ist, wer vergißt, was doch nicht zu ändern ist“, ihre charakteristische Formulierung gefunden hat.4 Bäcker hat sich zeitlebens vehement gegen das Vergessen gewehrt, gegen das eigene und gegen das kollektive. Er wollte wissen, und zwar alles, was über das Dritte Reich zu erfahren war. Sein Antrieb war: „Dieser Mann [Hitler] hat meine Jugend verwüstet; ich habe ein Recht darauf, die Verwüstung nicht für immer hinzunehmen.“ Mit anderen Worten: Er hat die Wunde offen gehalten. Zeitlebens. Das war seine Antwort auf das ‚was doch nicht zu ändern ist‘. An anderer Stelle hat er es den „Zwang der Biographie“ genannt, nämlich den „Zwang, die Katastrophen des Allgemeinen auf mich zu beziehen.“ Dieser Zwang des Biographischen hat nichts mit der Besonderheit seiner Biographie zu tun und auch nicht mit seinem Verhalten während der NS-Zeit. Bäckers Biographie während der Nazizeit entbehrt der Besonderheit in jeder Hinsicht. Sie ist, wie Friedrich Achleitner formuliert hat, die Biographie eines „prototypische[n] Jugendliche[n]“ jener Zeit. Die Durchschnittsbiographie eines jugendlichen Mitläufers. Seine Haltung nach der Befreiung war allerdings ganz und gar untypisch. Er sah seine Begeisterung und sein Glaubenwollen während der Nazizeit als Niederlage und als Versagen und dem wollte er sich stellen. An der Arbeitermittelschule in Graz holte er 1948 die Matura nach, er studierte Philosophie, Soziologie und Anthropologie in Wien und promovierte 1953. Ab 1955 arbeitete er als Referent für Geisteswissenschaften an der Volkshochschule in Linz, als Herausgeber der Literaturzeitschrift ‚edition neue texte’ und als entschiedener Förderer der Gegenwartsliteratur. Zeitlebens stand er nach eigenem Bekunden unter großem innerem Druck, die ‚Wahrheit‘ über das erfahren zu wollen und erfahren zu müssen, was seine Jugend „verwüstet“ hat. Er empfand ein wachsendes Befremden darüber, wie seine ehemaligen Kameraden aus der HJ, denen er an der Wiener Universität und später in Linz wieder begegnete, bruchlos zur Tagesordnung übergegangen waren und wie sie ihre Nachkriegskarrieren planten als ob nichts gewesen wäre. Er verfolgte intensiv die Presseberichterstattung über das Dritte Reich, insbesondere über den Nürnberger Kriegsverbrecherprozeß. Dazu kam eine ausgedehnte frühe Lektüre von Dokumentationen und historischen Darstellungen der nationalsozialistischen Massenmorde und des Widerstandes gegen Hitler. Im Literaturverzeichnis der beiden Bände nachschrift sind sie als Quellen seiner literarischen Arbeit verzeichnet. So reichen, genau besehen, die Vorarbeiten für die beiden 1986 und 1997 erschienen Bände der nachschrift bis in die späten 40er und frühen 50er Jahre zurück. Das heißt nun keineswegs, daß Bäcker von allem Anfang an das Projekt nachschrift im Kopf gehabt hätte. Es heißt allerdings schon, daß er als Schriftsteller und als Autor der nachschrift ein innerhalb der österreichischen Nachkriegsliteratur völlig singuläres Beispiel darstellt. In Österreich hat es bekanntlich kaum einer und kaum eine von denen, die mit und unter den Nazis ihre literarische Karriere und ihr Geschäft gemacht hatten, der Mühe wert gefunden, im befreiten Österreich, in dem sie ihre Karrieren alsbald nahtlos fortsetzten, auch nur ein Wort über einen möglich ‚Irrtum‘ zu verlieren – von Gröberem ganz zu schweigen. In einem solchen Land stellt ein Schriftsteller wie Heimrad Bäcker, der aus dem Bedürfnis, seine jugendliche Verblendung zu begreifen, eine literarische Lebensaufgabe machte, zweifellos eine Provokation dar. Die Tatsache, daß man ihn auch als die Verkörperung des eigenen schlechten Gewissens wahrnehmen konnte, mag so manche reservierte Reaktion (oder jahrelange Nicht-Reaktion) auf seine Person und sein Werk erklären. Um Missverständnisse zu vermeiden füge ich hinzu, daß die singuläre Leistung Bäckers nicht darin besteht, daß er, im Unterschied zu den Schriftstellerkolleginnen und -kollegen seiner Generation, seine Vergangenheit zwischen 1938 und 1945 öffentlich thematisiert hat, sondern darin, daß seine Beschäftigung mit dieser Vergangenheit, die er als ethische Notwendigkeit empfunden hat, es ihm ermöglichte, das Projekt nachschrift anzugehen und zu vollenden – ein Projekt, das in der deutschsprachigen Literatur nach 1945 ohne Beispiel ist. Bäcker hat seit den 1950er Jahren literarisch gearbeitet – allerdings ist nur wenig davon erschienen, denn seine Selbstzensur war, nach den Erfahrungen der so kläglich gescheiterten ersten literarischen Existenz, groß. Und er hat sich seit den späten 40er Jahren unablässig mit dem Holocaust beschäftigt. Er wußte darüber mehr als jeder andere Autor des Landes – und doch hat er drei Jahrzehnte lang keinen einzigen Text zu dieser Thematik veröffentlicht. Er hielt, wie er öfter betont hat, die traditionellen literarischen Formen für „ungeeignet, die Geschehnisse angemessen zu begreifen“ und darzustellen. Dreißig Jahre lang verbot er sich, über sein Lebensthema zu schreiben. So lange brauchte er offenbar, um die formalen und ästhetischen Probleme einer literarischen Darstellung der nationalsozialistischen Massenmorde in einer für ihn akzeptablen Weise zu lösen. Er selber hat Helmut Heißenbüttels dreizehn mal dreizehn Zeilen umfassende, als ‚Gedicht‘ bezeichnete Textmontage Deutschland 1944 aus dem Jahr 1980 als „wegweisend“ für die Poetik der nachschrift bezeichnet.5 Heißenbüttel habe als erster gezeigt, wie die Mördersprache, die Tarnsprache der Nazis, eine Sprache der „Vertauschung“ sei, die durch Zitieren aufgelöst werden könne. Damit ist folgendes gemeint: Die Nazis sagten „sozialpolitische Notwendigkeiten“, wissend, daß Sozialpolitik etwas Nützliches ist und sie meinten das Vergasen von Kranken, sie sagten „Endlösung“, wissend daß eine endgültige Lösung für ein Problem zu finden etwas Gutes ist und sie meinten den industriell geplanten und organisierten Massenmord. Dies versteht Bäcker unter ‚Vertauschung’. Bezeichnetes und Gemeintes passen nicht zusammen. Sprachzeichen und Sprachbedeutung decken sich nicht.6 Heißenbüttel montierte in Deutschland 1944 interpunktions- und übergangslos Sätze, Sprachfetzen und Parolen dieser Tarn- und Durchhaltesprache, aber auch Gedichtzeilen und Briefzitate aus etwa dreißig verschiedenen zeitgenössischen Quellen. Die Textfragmente führen in ihrer disparaten Gesamtheit gleichsam das öffentliche und das private Stimmengewirr kurz vor Kriegsende vor. Mit anderen Worten: Der Text nützte das Verfahren der Montage für eine ‚dokumentarische‘ Darstellung der Atmosphäre im letzten Kriegsjahr indem er ganz unterschiedliche Texte aus dem Jahr 1944 zusammenmontierte und damit miteinander konfrontierte. Heimrad Bäcker hatte die Verfahren der Montage und des Zitats selber schon lange vor 1980 angewandt. Viele seiner Gedichte aus den 60er und 70er Jahren, die in dem Auswahlband Gedichte und Texte7 aus dem Jahr 1992 abgedruckt sind, arbeiten bereits mit vorgefundenem Sprachmaterial, vorwiegend mit literarischen Texten. Die Weiterentwicklung und Übertragung dieser Methode auf das Sprachmaterial des Dritten Reiches, wie es die beiden Bände von nachschrift systematisch vorführen, mag durch Heißenbüttel beeinflußt worden sein, sie stellt sich im nachhinein jedoch als konsequente Weiterentwicklung seiner eigenen Bemühungen seit den 60er Jahren dar. Das Muster der nationalsozialistischen Sprache der Tarnung und der Vertauschung, die, nach Bäcker, eine Sprache „des nicht ausgesprochenen Gemeinten“, ist, stellt das Einladungsschreiben des Leiters des Reichssicherheitshauptamtes Reinhard Heydrich, zur Wannseekonferenz (20. Januar 1942) dar. Diese Konferenz hat bekanntlich die ‚Durchführung der angestrebten Endlösung der Judenfrage’ eingeleitet. In Bäckers nachschrift erscheint dieser Text, zusammenmontiert mit Wendungen aus einem Schreiben Görings an Heydrich und dem Protokoll der Konferenz in der folgenden Form: im interesse der erreichung zumal Nichts, außer dem Frühstück, ist an diesem Text offen, konkret, unverhüllt. Die Vertuschung des Gemeinten im bürokratischen Kauderwelsch läßt die Täter mit ihren Absichten ebenso verschwinden wie ihre (zukünftigen) Opfer. Man könnte auch sagen: Die Sprache der Mörder plündert die Arsenale überlieferter, meist verwaltungstechnisch definierter Begriffe, um dem Unvorstellbaren, dem Unaussprechlichen den Schein des Normalen und einer rational begründeten Notwendigkeit zu verleihen. Erst das allerletzte Wort des Textes, eine Ortsbezeichnung, die für uns zum Symbol für den industriell geplanten und organisierten Massenmord geworden ist, erst dieses allerletzte Wort „Wannsee“ legt eine ‚Realitätsspur’ in den Text, die zum eigentlich Gemeinten hinführt. Die sprachimmanente Lüge, die als routinemäßige Verwaltungsaufgabe erscheinen läßt, was ein Mordakt sondergleichen ist, enthüllt sich bei Bäcker im Zitat, in der scheinbar identischen Verwendung der Sprache; scheinbar identisch deshalb, weil die Formulierungen Heydrichs, Görings und des Protokolls nun in einem neuen Kontext, im literarischen Kontext von nachschrift erscheinen. Die vom Dichter angewandte Methode der Montage, die neue Anordnung, die damit verbundene Verdichtung des Sprachmaterials und die Vertauschung des Kontexts macht die Sprache nun erkennbar als das, als was sie nicht erkannt werden wollte: als Tarnung für das geplante Verbrechen. Die Sprache, schreibt Heimrad Bäcker – sei es „Umgangssprache, Alltagssprache, Beamtensprache, Sprache der Ideale […], Befehlssprache und Statistik“ –‚ ist „mit dem Gewicht des Geschehenen beschwert“. Die Sprache transportiert in ihren Wortkörpern Assoziationen, Bedeutungsspuren und Bedeutungspotenziale, die an das Geschehene erinnern, die aber der Entschlüsselung bedürfen. Die Dechiffrierung dieser verdeckten, vergessenen, verdrängten, oder unbekannten Bedeutungen wird in Bäckers nachschrift ermöglicht. Er bedient sich dabei vornehmlich des Zitats und der Montage, womit das Sprachmaterial der Dokumente aus ihren ursprünglichen Zusammenhängen bewusst herausgehoben wird. Bäcker nennt als wichtigste Operationen: „Isolierung, Verknappung, Stellung im Raum, Abfolge, Kleinschrift“. Diese Operationen dienen dazu, den Charakter einer Sprache sichtbar zu machen, die die Wirklichkeit des Dritten Reiches nicht nur abbildet, sondern die selber wesentlicher und funktionaler Bestandteil dieser Wirklichkeit ist. Dies gelingt Bäcker dadurch, daß er die konventionellen Möglichkeiten der Montage durch die literarischen Verfahren der Konkreten Poesie erweitert, die reicher und differenzierter sind als die gebräuchlichen Formen der Montage. Sprache wird im literarischen System von nachschrift tatsächlich konkretisiert, sie wird ausgestellt; sie wird in ihrer verfestigten Form, als Schrift, auch als Handschrift, selbst Objekt der Betrachtung. Einzelne Worte, Ziffern, Satzfragmente, Sätze, Texte, werden als isolierte, aus dem ursprünglichen Zusammenhang gelöste, in einen neuen Zusammenhang gebrachte Objekte in einer Weise Gegenstände der Betrachtung und Reflexion, wie es auf anderem Wege nicht möglich wäre [NI,31] Transporte vom 2.4. bis 13.6. 1942 in das Vernichtungslager Sobibor in der Handschrift H. Bäckers: 383 Deportationszüge – in zweieinhalb Monaten [NI,69] Handschriftliche Notizen Hitlers aus der Zeit 1921-23: „Weltbrei, Weltpresse, Weltliteratur, Weltbörse, Weltkultur, Weltsprache – Juda“ Die Architektur des Hitlerschen Weltbildes Ein wesentliches Prinzip der nachschrift ist, daß die persönliche und literarische Subjektivität des Autors, also Heimrad Bäckers, in keinem Moment den Blick auf das Dokument verstellt. Der Autor ist im Text nicht als ‚Ich’, nicht als ‚Erzähler’, also nicht als Aussage-, sondern nur als Regiesubjekt vorhanden ist. Er erfindet nicht, er wählt aus, er isoliert, er ordnet an. Seine Eingriffe in das Sprachmaterial sind offen, seine Methode ist nachprüfbar, die Authentizität der Dokumente ist durch Anmerkungen und Quellenverzeichnis belegt. Der Text der nachschrift ist, rein äußerlich, eine literarische Montage von dokumentarisch verbürgten Zitaten, ein Netz schriftlicher Spuren dessen, was die Begriffe Nationalsozialismus, Drittes Reich und Holocaust umfassen – aufgespürt in Zeitungsmeldungen, gesetzlichen Verordnungen, Richtlinien, Verboten, Dienstanweisungen, Fernschreiben, Tätigkeitsberichten, Daten, Zahlen, Ziffern, Statistiken, Namen, Tätigkeiten, Fragen, Antworten, Befehlen, Vernehmungsprotokollen, Zeugenaussagen, Aktenvermerken, Gerichtsurteilen, letzten Briefen zum Tode Verurteilter, Exekutionslisten, Kursbüchern, Transportlisten, Telefonverzeichnissen, Lageplänen, technischen Beschreibungen, Inventarverzeichnissen, Wandinschriften, Abkürzungsverzeichnissen, Registern, Legenden von Plänen, Bildunterschriften, Zeitangaben, Nummerierungen, Tagebüchern, Briefen Himmlers, Propagandaschriften, Feldpredigten, Hitlers Mein Kampf, Sterbetafeln des Deutschen Vereins für Versicherungswissenschaft, Beschreibungen medizinischer Experimente an Häftlingen, Kilometerlisten von Tagesmärschen mit Todeszahlen usw. Der substantielle Unterschied zu allen vergleichbaren Montagen vor Bäcker besteht darin, daß die Fläche der Buchseite in nachschrift zum entscheidenden Element des Textes selber gemacht wird. Die Isolierung der Zitate aus ihren ursprünglichen Zusammenhängen ist auch eine sichtbare Isolierung im Raum, die ihnen den Charakter von Inschriften, den Charakter von Sprachdenkmälern gibt. „zu der zahl von 34.165 toten müssen noch gerechnet werden“ [N I,123] Diesem Bruchstück eines Satzes folgt in nachschrift ein Doppelpunkt und die weiße Fläche einer Buchseite. Eindringlicher ist das grenzenlose, schier endlose Morden der Nazis kaum darzutun. mir oblag lediglich die durchführung der tötung [N II,170] An einer anderen Stelle notiert Bäcker die Zahl der Getöteten im Lager Sobibor im Zeitraum 2.4. bis 1. 6. 1942. 2400
2600 4600 6600 9100 stärke unbekannt stärke unbekannt stärke unbekannt stärke unbekannt 10600 12600 14600 16600 17600 21000 21400 26400 27030 29330 30530 32030 35079 [N I,33] Die statistischen Angaben ergeben, untereinander geschrieben, die Form eines Kreuzes. Das ist kein vom Autor nachträglich gebildetes Symbol. Was die Statistik der Buchhalter des Todes wortlos enthält, wird im literarischen System von nachschrift sichtbar durch Isolierung : Die Statistik wird zum Epitaph, zum Grabstein für die Namenlosen. ich bin am zweiten juni zwölf jahre alt geworden und lebe vorläufig noch Dieser Satz eines Kindes, es ist, wie sie sehen, der einzige auf Seite fünfzig von nachschrift, enthält in einem einzigen Wort, im Wort „vorläufig“, alles, was im Begriff ‚mörderische Willkür’ nur abstrakt angedeutet und umschrieben wäre. Die mit dem Wörtchen ‚vorläufig’ bezeichnete Ungewissheit ist der Spielraum den die selbsternannten Herrenmenschen über Leben und Tod der anderen beanspruchen. Sie mögen noch leben, aber sie sind schon tot. Dazu zitiert Bäcker einen Satz aus dem letzten Brief eines Widerstandskämpfers: meine leiche befindet sich diesseits der schule beim straßenwärterhaus, Die Grammatik passt sich den Umständen an. Das Wörtchen „sofort“ markiert die Ungleichzeitigkeit zwischen Leben und Tod, das von den Herrenmenschen bestimmte Ende des Vorläufigen. Der Zensor läßt den Brief passieren. Soll man etwa selber auch noch die Leichen verräumen? Auch auf der folgenden Seite von nachschrift ist der Hingerichtete der Überbringer der Todesnachricht. dies ist mein letzter brief, und ich lasse dich wissen, daß ich Der Versuch, diese Sätze zu erläutern, mündet, wie bei den übrigen Sprachstücken der nachschrift auch, in eine Paraphrase dessen, was durch den Text und seine besondere, von Bäcker gewählte Form unmittelbar und ohne Erklärung ohnehin für jeden fühlenden Menschen verständlich ist – was aber bisher unter Millionen von Dokumenten verborgen und wohl auch vergessen war. Bäcker hat diesen Sätzen, die eine für uns anders nicht greifbare Realität beschreiben, eine Form gegeben, die sie und die zugehörige Realität hereinholt in die Erinnerung, sie gleichsam unverlierbar macht. Das ist die singuläre literarische Leistung der nachschrift. Durch die radikale Verweigerung alles Fiktiven und aller literarischen Erfindung, durch die bewußte Vermeidung einer durch Erzählung und Nacherzählung unweigerlich sich bildenden zeitlichen Struktur verhindert Bäcker die Historisierung des Geschehens. Die Isolierung im Zitat und die ‚Konkretisierung‘ des historischen Materials in einem literarischen Rahmen heben uns das in die Unübersichtlichkeit und Gleichförmigkeit des Vergangenen Abgesunkene – und bis zu Bäckers Akt des ‚Nachschreibens‘ gleichsam Nicht-mehr-Vorhandene – als sprachlich unmittelbar Gegenwärtiges ins Bewußtsein. Die nachschrift eröffnet, als literarisches Werk, in dessen dokumentarisch verbürgtem Sprachmaterial die Erfahrungs- und Empfindungswelten der Täter und der Opfer konserviert sind, kraft ihrer ästhetischen Form einen Raum der Gegenwärtigkeit und der Gleichzeitigkeit. Es ist ein Raum, in dem Anteilnahme, Kontemplation, Erkenntnis, Entsetzen und Empathie möglich sind. Die von Bäcker auf das dokumentarische Sprachmaterial angewendeten literarischen Verfahren schaffen Bedingungen der Wahrnehmung und der Rezeption, die Reflexion, Verlangsamung der Lektüre, Konzentration, Erinnerung, Eingedenken und Mitgefühl ermöglichen. Bäcker hat mit der nachschrift einen überzeugenden Weg gefunden, mit literarischen Mitteln nicht nur das unfaßbare Geschehen, das, wie Heimrad Bäcker sagt, „in [den] Schriftzeugnissen unumstößlich da ist“, zu benennen, sondern auch den Schrecken, der der Sprache der Dokumente eingeschrieben ist, zum Vorschein zu bringen. Es liegt an uns, es wahrzunehmen, indem wir dem von Hannah Arendt formulierten und von Heimrad Bäcker zitierten Imperativ folgen: „innezuhalten und nachzudenken“. Darin liegt auch die Bedeutung von Veranstaltungen wie dieser heutigen hier. Ich schließe mit einem Zitat aus Bäckers nachschrift II, das zwar, wie alle anderen Zitate in nachschrift auch, auf eine konkrete Situation bezogen ist, nämlich auf die Arbeit des sogenannten Sonderkommandos in Auschwitz, das für die Arbeit an den Verbrennungsöfen eingeteilt war. Die Form die, Bäcker ihm gibt, macht die Aussagen übertragbar und gültig auch für andere Kontexte. Auch für unseren. Ich fing an zu erzählen und sagte: niemand wird mehr zurückkommen, alle sind ermordet und verbrannt worden. ich hatte noch keine drei wörter gesagt, da unterbrach mich mein bruder und sagte: hört auf mit ihm zu reden, er ist nicht ganz richtig im kopf. kann man das glauben, was er erzählt? Menschen sollen sie verbrannt haben? [N II,231] Literaturverzeichnis: 1 Vgl.: Heimrad Bäcker. Porträt. Linz 2001 (= Sonderheft ‚Die Rampe’); darin auch Klaus Amann: Heimrad Bäcker. Nach Mauthausen (S. 11-26); auf diesen Aufsatz stützen sich die folgenden biographischen Angaben zu Bäcker. download (pdf) |