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Hauptrede beim Kreuzstadl 2005

Rechnitz, 20.März 2005


Köszeg Ferenc

Vor einem Mahnmal österreichisch-ungarischer Geschichte

Eine ungarische Schriftstellerin, Mária Ember ließ vor einigen Jahren einen Roman unter dem Titel „Haarnadelkurve” erscheinen, in dem sie ihre eigene Erlebnisse im Ghetto und im österreichischen Arbeitslager darstellte. An der ersten Seite des Buches an der Stelle einer Widmung steht der folgende Satz: „Worüber ich schreibe, ist kein jüdisches Schicksal. Es ist ungarische Geschichte.” Der Roman enthält auch Dokumente: Gesuche, in denen MitbürgerInnen aus der Geburtsstadt der Autorin, die Übergabe von Gegenständen wie z.B. einem Waschtrog aus dem Haushalt der bereits ins Ghetto gezwungener jüdischer Nachbarn beantragten. Die waren wohl überzeugt, dass die Eigentümer des Waschtroges nie zurückkehren werden. Einige haben sich geirrt. Die meisten konnten aber den während der deutschen Besatzung erbeuteten Waschtrog behalten, bis sie zwanzig Jahre später die erste Waschmaschine kaufen konnten. Das Schicksal des Waschtroges macht den Roman zu ungarischer Geschichte. Österreich und Ungarn haben eine lange, gemeinsame Geschichte. Was hier in Rechnitz - auf ungarisch Rohonc -, in Burgenland und an der österreichischen-ungarischen Grenze entlang in den letzten Kriegsmonaten geschah, ist auch ein Teil dieser gemeinsamen Geschichte.

Man kennt die großen Etappen der Judenverfolgung in Ungarn von den Judengesetzen noch vor dem Krieg bis zur Deportation einer halber Million Juden im Sommer 1944. Man weiß auch über die Todesmärsche nach der Machtergreifung der Pfeilkreuzler, als im November Tausende der bis dahin verschonten Budapester Juden und Tausende der von der Front zurückgedrängten jüdischen Zwangsarbeiter zu Fuß nach Westen vorangetrieben wurden. Zahlreiche Lager wurden an der ungarischen Seite der Grenze eingerichtet: in der Umgebung von Sopron, am Kurort Balf und in Kőszeg, wo auch eine Gaskammer errichtet wurde. Viele starben in diesen Lagern, viele sind an den Endstationen in Mauthausen oder in Gunskirchen angekommen, wo ihr Leidensweg entweder durch den Tod oder durch die Befreiung zu Ende ging. Doch die vorletzte Station des Leidensweges, die Zwangsarbeit beim Südostwall in Österreich und die Massenhinrichtungen in Rechnitz, in Deutsch-Schützen und anderswo an der Grenze entlang, sind in Ungarn irgendwie in die Vergessenheit geraten, oder sind zumindestens weniger bekannt. Deshalb ist die Arbeit des Vereins RE.F.U.G.I.U S. auch vom ungarischen Gesichtspunkt aus hoch zu schätzen. Denn es ist außer Zweifel, dass die Tragödie in Rechnitz auch ungarische Geschichte isti. Geschichte und Kultur- oder Literaturgeschichte. Unter den vielen ist ein hervorragender ungarischer Dichter, László Fenyő, dessen Gedichte und Essays in den besten Literaturzeitschriften der Zwischenkriegszeit erschienen, im dreiundvierzigsten Lebensjahr, am 26-sten März 1945, wahrscheinlich als Opfer der Massenhinrichtung, hier in Rechnitz gestorben.

Ja, die letzte Phase des Holocausts hatte viele tausend ungarisch-jüdische Opfer in Westungarn, in Burgenland, in grenznahen Ortschaften. Zu ihnen gehören ganz große Persönlichkeiten der modernen ungarischen Literatur. Als ersten soll man Miklós Radnóti erwähnen, der am 9-ten November 1944 im Dorf Abda, einige Kilometer nach Győr, in der Nähe der Landstraße Richtung Hegyeshalom, samt zwanzig anderen Zwangsarbeitern von den ungarischen Aufsehern erschossen wurde. Wo er starb, steht jetzt seine Statue, ohne Sockel, einfach auf der Erde, als ob er hielte, um sich die Landschaft anzuschauen. Radnóti gehört zu den größten Gestalten der ungarischen Dichtung im zwanzigsten Jahrhundert, ein großer, aber gleich ein sehr populärer Dichter, dessen Gedichte seit einem halben Jahrhundert zu Lieblingstücken von Literaturabenden gehören. Die Gedichte seines letzten posthumen Bandes schrieb er in der Nähe der serbischen Ortes Bor, im Lager, „Heidenau” genannt, und auch während des anstrengendes Marsches zur österreichisch-ungarischen Grenze. Unter diesen Umständen schuf er Gedichte erhabener Schönheit, in klassischen Formen der antiken Dichtkunst und gleich voller Hoffnung, dass das Ziel des Herrn, das Land der Gerechtigkeit trotz aller Leiden doch Wirklichkeit werde. Einen Teil der Gedichte konnte der Dichter aus Serbien illegal zu seinen Freunden nach Budapest schicken. Aber die, während des Todesmarsches geschriebenen letzten Gedichte, wurden erst 1946, nach der Öffnung des Massengrabes im Notizbuch des Dichters in der Tasche seiner Windjacke gefunden.

Am Kurort Balf starben drei berühmte Literaten, Antal Szerb, Literaturhistoriker und Romancier, dessen spannende Geschichte der ungarischen Literatur bis heute das beste Werk seiner Art ist., Gábor Halász, Kritiker und Essayist und György Sárközy, Dichter und Verleger, der den „Joseph und seine Brüder” von Thomas Mann und den „Faust” ins Ungarische übertragen hatte. Die drei waren im Juli 1944 zur selben Arbeitseinheit einberufen und Ende November von Pfeilkreuzlern zum Wallbau aus Budapest nach Balf transportiert worden. Nach einer schönen Legende versuchten zwei Offiziere mit einem gefälschtem Befehl Antal Szerb vom Lager zu befreien, er wollte aber nicht ohne die beiden Kameraden fliehen. In der Tat konnten die beiden Offiziere gar nicht zum Lager kommen; wegen der wiederholten deutschen Kontrollen mussten sie von Győr nach Budapest zurückkehren Szerb wurde im Januar von minderjährigen ungarischen paramilitärischen Aufsehern mit Gewehrkolben totgeschlagen, Halász und Sárközi starben einige Wochen später an Hunger.

Die besondere Tragik ist im Schicksal der vier Schriftsteller, dass sie sich stark als Ungarn fühlten. Nach den Rassengesetzen, als ein Freund Radnóti zu der jüdischen Literaturzeitschrift „Ararat“ einlud, antwortete er, dass er sich nicht ins Ghetto schließen lassen will, trotz der Ausschließung bliebe er ein ungarischer Dichter. Man sagt , dass im Lager Bor er brutal zusammengeschlagen wurde, als er auf die Frage, was sein Beruf sei, mit dem selben Satz antwortete: Ich bin ein ungarischer Dichter. Man hat viel darüber diskutiert, ob das Land der Gerechtigkeit, worüber der Dichter spricht, das Land des Erlösers oder das Land des Sozialismus sei. Beides ist möglich, denn Radnóti, obwohl er nie die jüdische Konfession verließ, wurde vom Katholizismus wie vom Sozialismus stark beeinflusst. Die drei von Balf, wie so viele ungarisch-jüdische Intellektuelle hatten ein naives Vertrauen, dass Ungarn die tolerante Tradition des Landes doch bewahren würden, dass die Menschen in Ungarn die Extreme vermeiden würden und dass sogar die Aufseher im Arbeitsdienst im Grunde genommen nette Leute seien. Deshalb wollten sie nicht fliehen, nicht „illegal“ werden, obwohl sie im Sommer 1944 in Budapest wahrscheinlich mehrere Möglichkeiten hätten, sich zu verstecken.

Die Gerichtsverfahren nach dem Krieg halfen nicht die Wahrheit und die Tiefe der Tragödie in Rechnitz, in Deutsch-Schützen, in Balf oder in Abda zu erkennen und zu verstehen. Die Mörder in Österreich wurden freigesprochen oder ganz mild verurteilt. In Ungarn ging es anders. Von den acht Aufsehern von Balf, die 1946 vor dem Volksgerichthof standen, wurden mehrere zum Tode verurteilt. Aber die Volksgerichte standen von Anfang an unter dem starken Einfluss der kommunistischen Partei, oft mischte man bewusst rechte politische Auffassung und Kriegsverbrechen zusammen. Infolge dessen mangelten in vielen Fällen die Urteile an Glaubwürdigkeit. Weder die Milde, noch die Strenge half der Gesellschaft ihrer eigenen Verantwortung wirklich ins Auge zu sehen.

Österreich versuchte eine Bewältigung der Vergangenheit damit zu vermeiden, dass es sich als das erste Opfer Hitlers vorstellte. In Ungarn waren die Deutschen an allem Schuld, höchstens noch die Pfeilkreuzler, die durch einen Putsch den braven Patrioten, Reichsverweser Miklós Horthy entmachteten. Alles was bis Mitte Oktober 1944 geschah, war nur die Folge historischen Zwangs, zwanghafter Entscheidungen. In der Tat weiß aber jeder, dass die Deportationg nicht möglich gewesen wäre ohne die perfekte Arbeit der noch intakten ungarischen Verwaltung. Nicht nur der brutalen Gendarmen, sondern auch der zivilisierten Polizisten, der gebildeten Komitats- und Stadtbeamten, der präzisen Post- und Eisenbahnangestellten.

Die Seelenarbeit alle Verantwortung in die Schuhe der Deutschen zu schieben,hat schon während des Krieges angefangen und sie war sogar auch von den engsten Verbündeten der Deutschen geführt. Ein Abgeordneter, namens Károly Maróthy sagte bei einer Sitzung des Parlaments, das vom umgelagerten Budapest bereits nach Sopron übersiedelte: „Die sterbenden Juden auf der Landstraße sollen baldigst totgeschossen werden, die Leichen soll man schnell verschwinden lassen, damit kein Mitleid für die Juden innerhalb der Bevölkerung erweckt wird. Die Todesurkunden sollen nicht von den ungarischen Behörden, sondern von den Deutschen ausgestellt werden.”

In einen seiner letzten Gedichte schrieb Miklós Radnóti über seinen nahen Tod. Er fällt auf die Strasse, und wartet auf den Genickschuss. Dann hört er plötzlich eine Stimme über sich: „Der springt noch auf”. Ein deutscher Satz im ungarischen Gedicht. Man soll es glauben, die Marschkolonne war von deutschen Soldaten oder von Volksdeutschen begleitet. Das war wirklich der Fall, als die Zwangsarbeiter das deutsche Siedlungsgebiet Batschka durchquerten. Aber später wurde die Kolonne wieder von ungarischen Aufsehern übernommen. Wahrscheinlich wollte Radnóti den überlebenden nicht verraten, dass ihn, den ungarischen Dichter nicht die Deutschen Soldaten sondern seine ungarischen Landsleute mit dem Todessschuss bedrohen. Es ist doch außer Zweifel, dass so Miklós Radnóti, wie auch Antal Szerb von Ungarn ermordet wurden.

In den kommunistischen Ländern wollte man jahrelang nach dem Krieg nicht über Judenverfolgung sprechen. Die Faschisten verfolgten die Arbeiter und Bauern, die mit der Führung der Kommunisten gegen die Faschisten kämpften. Nach ihnen kamen die Verfolgten, die neben den Werktätigen auch verfolgt waren. Unter Verfolgten sollte man Juden verstehen, aber das Wort Jude war zu vermeiden.

Von den sechziger Jahren an, war die Judenverfolgung kein Tabu mehr, hunderte von Büchern erschienen zum Holocaust. Damals durfte man auch schon von den Opfern des Stalinismus, der Schauprozesse sprechen, falls sie in Ungarn starben. Denn von den Opfern der sowjetischen Lager erschien kein Wort in der zensierten Literatur.

Nach der Wende wurde der Bann gebrochen, man konnte die Tatsachen über die Hunderttausenden, die im Reich des Gulags starben, kennen lernen und man durfte um die Toten trauen. Ja, glaubte man Kennen lernen, Erinnern und Trauen können zur Versöhnung führen. Das ist aber nicht der Fall. Unlängst wurde eine Ausstellung von ungarischen Kriegsgefangenen eröffnet. Die Präsidentin des Parlaments begrüßte die Ausstellung in einem Brief. Sie schrieb von den Massen ungarischer Staatsbürger die in russischen oder in deutschen Lagern starben. Bei diesem Satz begannen die Teilnehmer der feierlichen Eröffnung zu pfeifen und buhen. Sie wollten offensichtlich nicht, dass die Politikerin der sozialistischen Partei die deportierten Juden mit gefangenen oder verschleppten Ungarn gleichstellt. Zur Versöhnung haben wir noch einen langen Weg.

Hier stehen wir vor einem Denkmal der gemeinsamen österreichschen und ungarischen Geschichte. Betrachten wir jetzt diesen Stein als ein Mahnmal, das uns an alle Opfer der Verfolgung, der Totalitarismen erinnert, an Juden, Österreicher, an Ungarn und Deutsche aber auch an alle Flüchtlinge und Fliehende, die irgendwo und irgendwann verfolgt waren, verfolgt sind.

Rechnitz, den 20-sten März 2005

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