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Referate bei der Tagung 2005

Oberwart, 19.März 2005


Marija Juric Pahor

Erinnerungspolitik in Italien im Generationenwechsel

In seinem Erinnerungsbuch "Die Untergegangenen und die Geretteten" (1990: 26) schreibt Primo Levi, der als Mitglied der italienischen Resistenza 1943 verhaftet und nach Auschwitz deportiert wurde, die gesamte Geschichte des Nazismus - und dies gilt wohl auch für den italienischen Faschismus bzw. den italienischen Nazi-Faschismus - könne neu gelesen werden als "Krieg gegen das Erinnern", als "Verleugnung der Wirklichkeit, bis hin zur endgültigen Flucht vor ebendieser Wirklichkeit". Das bedeutet, dass Entstellung, Löschung und Auslöschung der Erinnerung bereits Teil des Projekts des Genozids und letztlich der Endlösung waren, jenes zentralen Ereignisses dieser Geschichte, das im Schatten des Krieges möglich wurde und bis heute im Schatten der Kriegserinnerungen geblieben ist. Die verbreitete Rede über das "Unaussprechliche" und "Nichtdarstellbare" oder über die "Schwierigkeit des Zuhörens" und des "Zeugnis Ablegens" verweist darauf. Aber auch das Faktum, das die Identität des Opfers während des zweiten Weltkrieges und "danach" zur Nichtidentität wurde. Es ist zu einfach zu behaupten, 1945 habe zu Umkehrung und Wiedergutmachung geführt. Wer spricht - wer legt Zeugnis ab -, falls Paul Celan (1983) recht hat: "Wahr spricht, wer Schatten spricht".
Celan zeugt für den Zeugen, macht aber auch darauf aufmerksam, dass es eine unaufhebbare Unterschiedlichkeit der Orte, die Täter, Opfer, Zuschauer (Hilberg 1997) in der Geschichte der Vernichtung einnehmen. Zu diesen drei Kategorien ließe sich noch eine vierte hinzufügen, die Raul Hilberg kaum in Betracht zieht, nämlich diejenige der aktiven Widerstandskämpfer, welche sich sehr oft mit derjenigen des Opfers verknüpfte; viele von ihnen waren selbst KZ-Häftlinge oder unmittelbare Zeugen der Verfolgung und der Deportation ihrer Angehörigen. Diese Geschichte der Vernichtung schreibt sich in den verschiedenen Formen des Schweigens der verschweigenden, verhüllenden, lautlosen Rede fort. Was zu lesen bleibt, sind oft Spuren, Asche, Abdrücke, sprich die Umrisse dessen, was aus der Sprache und Kultur für immer verloren ist und nun als unwiederbringliche Abwesenheit dieser Sprache und Kultur die Nachgeschichte prägt: deuten die Lücken und Spuren in der Erinnerung der Täter und Zuschauer eher auf ein verheimlichtes Wissen, auf verdrängte Schuld oder auch auf eine latente Faszination für Phänomene und Bilder des Faschismus und Nazismus, so bedeuten sie für die Überlebenden dagegen den Versuch, den Schmerz und die Erinnerung und die erlittenen Traumatisierungen einzudämmen. Primo Levi (1990: 20) schreibt dazu: "Die Erinnerung an ein Trauma, ob es nun erlitten oder zugefügt wurde, ist an sich schon traumatisch, denn es schmerzt oder stört zumindest, wenn man es ins Gedächtnis zurückholt. Wer tief verletzt worden ist, neigt dazu, die Erinnerung daran zu verdrängen, um den Schmerz nicht zu erneuern; und derjenige, der diese Verletzung zugefügt hat, drängt seine Erinnerung in die Tiefe ab, um sich von ihr zu befreien, um sein Schuldgefühl zu beschwichtigen." Und diese Differenz setzt sich auch in der Tradierung des Verschwiegenen und Verdrängten an die nachgeborenen Generationen fort, was zu verschobenen Symptombildungen führt. Wie vor allem die psychoanalytischen Forschungen über die Nachkommen jüdischer Überlebender gezeigt haben, müssen sich Kinder traumatisierter Eltern zu deren Schicksal verhalten.
Ähnliche Strukturen einer entstellten Erinnerung, die ein Trauma zu verbergen oder ein Wissen um Schuld und Verwicklung zu verdrängen und Lücken in der Erinnerung mit Phantasien zu füllen sucht, findern sich auch im kollektiven Gedächtnis: nicht nur in den Deutungsmustern und Redefiguren, welche den öffentlichen Diskurs einer Kultur über die Geschichte strukturieren und damit festlegen, wie über sie gesprochen und worüber nicht gesprochen wird, sondern auch in den Politiken der Erinnerung, in der Historiographie und in der Ritualisierung des Gedenkens, welche die Geschichte in einen nationalen Diskurs verorten. Damit bin ich beim zentralen Thema dieser Tagung angelangt, bei der die "nationalen Bedingungen für die Akzeptanz bzw. Abwehr von Erinnern beispielhaft in europäischen Ländern", darunter auch in Italien, betrachtet und diskutiert werden sollen. "An welchen Krieg erinnert sich die italienische Öffentlichkeit, wenn vom Zweiten Weltkrieg die Rede ist?", fragt sich Lutz Klinkhammer (2003: 333) und setzt fort: "Die Antwort ist leicht: Es handelt sich fast ausschließlich um den nationalsozialistischen Krieg innerhalb Europas und um die Zeit der deutschen Besatzung Italiens vom September 1943 bis Kriegsende. Die Erinnerung konzentriert sich geographisch auf das italienische Mutterland in den Grenzen von 1945, nicht auf das Italien in den Grenzen von 1941." Konkret bedeutet dies, dass der imperiale Eroberungs- und Vernichtungskrieg, den das faschistische Italien in Ostafrika, und dann an deutscher Seite in Frankreich und in der Sowjetunion, in Griechenland und im ehemaligen Jugoslawien geführt hat, fast vergessen zu sein. Dieser Befund ist umso erstaunlicher, als Italien der wichtigste Bündnispartner NS-Deutschlands war und die bündnispolitischen Etappen beider "Achsenmächte" auf eine "weit gehende Übereinstimmung in der Akzeptanz einer parallelen Aggressionspolitik [verweisen], die den machtpolitischen Status-quo Europas zerstören sollte" (ibid.: 334).
Diese parallele Aggressionspolitik lässt sich auch daran ablesen, dass es nicht nur im nationalsozialistischen Deutschland, sondern auch im faschistischen Italien Konzentrationslager für diverse Bevölkerungsgruppen gab, darunter auch spezielle "per slavi", die wohl am meisten tabuisierten. Der Begriff "slavi" umfasste jene rund 400.000 als allogeni, Fremdstämmige, bezeichneten Angehörigen der slowenischen und kroatischen Minderheit in Julisch Venetien, die zumeist nach dem Ersten Weltkrieg zu Italien gekommen waren und sozusagen als innerstaatlicher "Feind Nr. l" galten. Anders als die deutsch- und ladinischsprachige Bevölkerung in Südtirol und dem Aosta-Tal, die zu jener Zeit ebenfalls Italien zufiel und als "allogen" galt, was bedeutet, dass auch sie sich von Anfang an einer massiven Entnationalisierungspolitik ausgesetzt sah, wurden die Slowenen und die Kroaten als das radikal Andere angesehen, als "Wesen", das mit dem hegemonial Eigenen, welches sich im Hinblick auf die anstehende Neuordnung Europas als zivilisatorisch privilegiert, "a capo del progresso Europeo" (an der Spitze des europäischen Fortschritts) imaginierte, nichts mehr gemein hatte. In anderen Worten: faktisch Zugehöriges wurde zu etwas Nichtswürdigem und Fremden erklärt, zu einer "terra nullius", die entdeckt, betreten und kolonisiert werden darf. Davon zeugen Attribute und Begriffe wie "barbarisch", "roh", "wild", "senza storia" (geschichtslos), "fuori della civilta" (außerhalb der Zivilisation stehend) (vgl. Collotti 1999; Sluga 2001).Es geht dabei stets auch um Begriffe, die das Niedrigstmögliche implizieren, den Schatten, das strukturell gehasste Alter Ego, das zu Beginn des 20. Jahrhunderts - in Slatapers damaligen Kultbuch // mio Carso/Mein Karst (1988/1912) zum Beispiel - als Inbegriff einer Schreck-Vision auftaucht, die das Eigene buchstäblich "ent-setzt" und nicht schrecklich weit von jenem archaischen "wilden Mann des Mittelalters" entfernt ist, der im ungezügelten Es einer agrarisch und dörflich strukturierten Gesellschaft alles Faszinierende und Fürchterliche verkörpert. Solche "Anderen" , ließen sich, selbst dann, wenn sie wegen ihrer unverkennbar "regressiven" und gewiss auch "dialogisch" motivierten Momente nicht gebilligt wurden, sehr gut in eine zeittypische italienisch- oder deutschzentrierte Slawenabwehr, um nicht zu sagen: Slawenverachtung, fügen.
Beachtenswert ist auch, dass Triest sehr bald als "Hauptstadt des regionalen Faschismus" (Vinci 1998), also Julisch Venetiens, angesehen wurde und gewissermaßen auch als Hauptstadt des nationalen Faschismus angesehen werden kann. Dem Faschismus in Triest gelang nämlich der Durchbruch schneller als in anderen Orten Italiens er nahm auch von hier aus seinen Ausgang. Bereits am 14. Juli 1920 wurde der "Narodni dorn", das Symbol der slowenischen Präsenz in Triest, in dem sich auch das Hotel Balkan befand, von denfasci di combattimento in Brand gesetzt, worauf sich die faschistischen Gewalttaten in der ganzen Region immens schnell verbreiteten. Carlo Spartaco Capogreco (2001: 137; vgl. auch Capogreco 2004) spricht von einem der slowenischen und kroatischen Minderheit gegenüber praktiziertem "kulturellen Genozid", "worin sich die gewaltsame und explizit rassistische militärische Besetzung Jugoslawiens" vorbereitet habe. Und mit Carlo Moos (2004: 146) gilt zu betonen, dass die Zerstörung dieses Staates "nicht ein beliebiges machtpolitisches Ziel, sondern die Voraussetzung zur Beherrschung der Adria und damit ein wichtiges Element von Mussolinis Raumpolitik". Dass die Slawen dann in den mit Hilfe des "Dritten Reichs" 1941 besetzten Gebieten tatsächlich als Untermenschen eingestuft wurden, hatte auch nach Moos eine durchaus logische Abfolge, ein "System". Darauf verweist auch der Begriff "bonifica etnica", der in den Dreißigerjahren als in der triestinischen Tagespresse geradezu an der Tagesordnung war (Meares 1999) und letztlich in der grandiosen faschistischen Vision vom "Staat als Gärtner" (Bauman 1995: 43ff.) seinen Audruck fand, alles könne rein sein und wenn alles rein sei, wäre es "gut". Tatsächlich setzte sich in dieser Zeit allmählich auch das Konstrukt von der reinen "razza italiana" (Moos 2004: 148ff.) durch, die sich als "arisch" verstand und in die im Jahre 1938 erlassenen leggi razziall, Rassengesetze, einmündete, die nunmehr auch die systematische Gewalt gegen Juden und ihre Deportation in diverse Konzentrationslager rechtfertigten. Die italienischen faschistischen Konzentrationslager wurden in den Jahren 1940-1943 errichtet, und gingen nach dem "Sturz Mussolinis" im September 1943 in nationalsozialistische Regie über, wobei der neu errichtete faschistische Satellitenstaat "Republicca Sociale Italiana" (RSI) sowie die Kollaborateure in den NS-Operationszonen "Alpenvorland" (Provinzen Bozen, Trient und Belluno) und "Adriatisches Küstenland" (Provinzen Udine, Görz, Triest, Pola und Ljubljana) eine nicht wegzudenkende Handlangerrolle spielten. In der Operationszone "Adriatisches Küstenland", welcher der Kärntner Gauleiter Friedrich Rainer befehligte, wurde Odilo Globocnik (geboren in Triest) zum "Höheren SS- und Polizeiführer" ernannt und gemeinsam mit dem Großteil des Einsatzstabs und Personals der von ihm geleiteten "Aktion Reinhard" (Tarnname für die in den NS-Vernichtungslagern Belzec, Sobibor, Majdanek und Treblinka durchgeführte Endlösung) nach Triest beordert. Hier sollte also das Werk der ehemaligen "Aktion Reinhard", nunmehr "Einheit R" genannt, weitergeführt werden, wozu auch die Errichtung des Durchgangs- und Konzentrationslagers "Risiera di San Sabba", einer ehemaligen Reisfabrik an der Peripherie Triests im September 1943 zählte, in der am 4. April 1944 auch ein Krematorium installiert wurde. Insgesamt wurden in der Risiera zwischen 3000-5000 slawische und italienische Partisanen und Antifaschisten, Juden, Homosexuelle und andere Personengruppen liquidiert und anschließend verbrannt. Rund 25.000 Personen wurden nach Dachau, Buchenwald, Auschwitz und andere Konzentrationslager deportiert, wobei slowenische und kroatische Partisanen und Aktivisten der "Befreiungsfront" (Osvobodilna fronta) den mit Abstand größten Anteil unter den Opfern und Deportierten der Risiera stellen. Der jüdische Schriftsteller Ferruccio Fölkel, die "ungeliebte Stimme Triests" (Kucher 2002) hat dies erkannt, wenn er in der Einleitung zur slowenischen Ausgabe seines Buches "La Risiera di San Sabba" (1990: 7) schreibt, das alles, was in dieser ehemaligen Reisfabrik sowie in der NS-Zone Adriatisches Küstenland geschah, "gleichzeitig dem Versuch einer Vollstreckung der 'Endlösung' an den Slowenen und Kroaten" auf diesem Territorium gleichkam. (Vgl. Stuhlpfarrer 1975; Scalpelli 1995; Jezernik 1999; Capogreco 2004) Es ist bezeichnend, dass die Risiera San Sabba in der italienischen Öffentlichkeit sowie in fast allen gut beseiteten Reiseführern und analogen Web-Sites als "einziges" oder gar als "erstes und einzig aktives Konzentrationslager in Italien" 1 bezeichnet wird, wobei stets akzentuiert wird, dass es sich um kein faschistisches, sondern um ein nationalsozialistisches Konzentrationslager handelt. Ein Faktum, das sich auch daran ablesen lässt, dass die Risiera im April 1965 zum monumento nazionale erklärt wurde, also zu einer Gedenkstätte, die den nationalsozialistischen Aggressionskrieg und die damit zusammenhängenden Gräuel stets präsent halten sollte. Erinnerungen an den eigenen Aggressionskrieg und an den eigenen, faschistischen Terror sind aus der italienischen kollektiven Erinnerung weitgehend getilgt worden. An die italienischen faschistischen Konzentrationslager erinnern nur noch wenige architektonische Überreste, die weitgehend verfallen sind. Auch ihre ehemalige Nutzung ist, abgesehen von einigen Lagern, (z. B. Rab, Gonars, Monigo, Chiesanuova, Renicci, Visco, Ferramonti), die gut untersucht sind, kaum bekannt. Hier spielt auch das Auseinanderfallen von öffentlicher Meinung und fachwissenschaftlicher Forschung eine große Rolle, wobei hervorzuheben gilt, dass die für die Öffentlichkeit produzierte Erinnerungsarbeit insbesondere Forschungen bevorzugt, die die faschistischen Kriegsverbrechen insbesondere in Julisch Venetien, Jugoslawien als auch dem übrigen Ausland übergeht und ein problemloses, gar idyllisches Bild davon zeichnet.
Nach wie vor herrscht der "italiani-brava-gente"-Topos vor, der vorgibt, dass "die" Italiener - wie dies der bekannte Journalist und ehemalige Partisanenführer Giorgio Bocca formuliert hat - frei von jenem furchtbaren Schandmal [sind], das ihre Nazi-Verbündeten noch lange belasten wird" - frei deswegen, weil der italienische Soldat aufgrund eines spezifisch italienischen "Lebensgefühls" wenig kriegerisch war (zit. bei Klinkhammer 2003: 334). Eine ähnlich gelagerte, anthropologisch geprägte Auffassung vom italienischen Nationalcharakter vertrat auch eine so kritische Denkerin wie Hannah Arendt (1999: 280, 282) die diese Prämisse auch auf die faschistischen Eliten ausgeweitet wissen will, spricht sie doch von einer "Sabotage der 'Endlösung'" der Judenfrage , die sie auf eine "fast automatisch gewordene, alle Schichten erfassenden Humanität eines alten zivilisierten Volkes" zurückführt. Jonathan Steinberg (1997: 22; 178) pflichtet ihr bei, dass "viel Wahrheit in dieser Bemerkung" stecke, allerdings - ein Zitat des Generals Mario Roatta aufnehmend - hinzufügend, dass dies für die Partisanen in Slowenien und Kroatien nicht gelte: "der Duce beabsichtigte, [sie] mit allen Mitteln zu beseitigen". Auch wenn es stimmen mag - und die Forscher scheinen darin einig zu sein (ibid.: 174ff., Jezernik 1999, Capogreco 2004) - dass sich im faschistischen Italien die "Judenpolitik" im Vergleich zur "Slawenpolitik" weniger gewaltsam vollzog, bleibt noch immer das Faktum, dass dies nach dem 8. September 1943 nicht mehr der Fall war, mehr noch, die italienischen Faschisten taten nichts, um ihre jüdischen Landsleute vor dem Tod zu retten. Brunello Mantelli (1998. 95) liefert dafür eine plausible Erklärung: "Wer sich für die RSI entschied, sich zur Waffen-SS meldete oder weiter in der Wehrmacht Dienst tat, stellte sich damit - mehr oder weniger bewusst - auf die Seite der Bedienungsmannschaften der Gaskammern von Auschwitz und wehrloser Zivilisten", egal welcher Herkunft und egal wo. Die große Masse rückte vom Faschismus ab und sei es nur aus dem legitimen Grund, zu überleben, verhielt sich "eher passiv" (weder profaschistisch, noch aufrührerisch), ein Teil ging in Resistenza (rd. 232 Kämpferinnen und Kämpfer, die nach 1945 offiziell anerkannt wurden oder leistete auf irgend eine andere Art Widerstand.
Der 8. September markiert gleichzeitig jenes "magische Datum", das der Kreierung der italienischen Erinnerungspolitik nach dem Krieg einerseits ermöglichte, den Faschismus als Gegenpol zum Nationalsozialismus zu interpretieren (der er angesichts zahlreicher Parallelen nicht sein konnte), gleichzeitig aber auch einen Resistenza-Mythos zu installieren, der sowohl faschistische Nostalgiker im Sinne eines "Ho difeso la patria" (Ich habe das Vaterland verteidigt) anzusprechen vermochte und andererseits erlaubte, die Partisanenbewegung als Subjekt zu imaginieren, das massenhafte Unterstützung im Volk besitze. Dieser politische Mythos, der das kollektive Gedächtnis der italienischen Nation nach 1945 stiftete, hatte Be-Gründungskraft im wörtlichen und übertragenen Sinn. Nach Lutz Klinkhammer (2003: 335) wurde er insbesondere von hochkarätigen Journalisten (z. B. Indro Montanelli, Giorgio Bocca,...) durchgesetzt, die als Autoritäten in historischen Fragen angesehen wurden und der ersten Generation angehören, die durch den Zweiten Weltkrieg als Mitwirkende, als Akteure tief geprägt worden sind. Erst gegen Ende der Sechzigerjahre kam es, so Klinkhammer zu einem tiefergehenden politischen Generationswechsel und damit einhergehend zum ersten großen Bruch mit diesem kanonisierten Resistenza-Paradigma. Die damit einhergehende Rhetorik wich allmählich dem Bewusstsein, dass Italien während des Zweiten Weltkrieges keineswegs in einem antifaschistischen Konsens geeint war, sondern umgekehrt: sie war zutiefst gespalten. Überraschend ist, dass diese tiefgehende Einsicht keinen Prozess einer kritischen Auseinandersetzung mit den faschistischen Verbrechen sowie mit dem Phänomen der Täterschaft auslöste, sondern eher umgekehrt: eine ausschließliche Opfererinnerung trat an die Stelle des Resistenza-Mythos und begann zur neuen "Zivilreligion" eines postfaschistischen Italien zu werden. Um den von vielen für anachronistisch gehaltenen Gegensatz von "Antifaschisten" und "Faschisten" zu überwinden, wird in letzter Zeit häufig der Versuch gemacht, im Zuge einer "nationalen Wiederversöhnung" auch die RSI-Faschisten als (überwiegend unschuldige) Opfer zu deuten. Diese Angleichung der Opfer auf beiden Seiten für die Bürgerkriegsphase zwischen 1943 und 1945 verstärkt noch zusätzlich die Ausblendung einer Tätererinnerung. Analog spricht Brunello Mantelli (2003)von einem "Revisionismus durch 'Aussöhnung'", mehr noch, von einer "'Normalisierung' des Faschismus".
Dieser Prozess lässt sich auch sehr gut daran ablesen, dass sich damit auch die bis dahin kanonisierten "Gedächtnisorte" der italienischen Nation verändern. Durch die Beteiligung der neofaschistischen Alleanza Nazionale an der gegenwärtigen Regierung wurde nun erstmals per Gesetz der 10. Februar als Gedenktag an "die Foibe" und den "Exodus" aus Istrien begangen. Damit einhergehend wurde noch am gleichen Tag im staatlichen Fernsehen die Spielfilmserie "Il cuore nell pozzo" (Das Herz in der Schlucht) von Alberto Negrin ausgestrahlt. Sowohl der Gedenktag als auch der Film haben - wiewohl unter dem Vorwand einer "kritischen Vergangenheitsaufarbeitung" - die Intention eine Täter-Opfer-Umkehr in die Wege zu leiten. So werden sowohl "die Foibe" (der Graben, die Schlucht; Synonym nicht nur für die trichterförmigen Aushöhlungen im Karst des Hinterlands, sondern auch ein "politisches Reizwort") als auch der "Exodus" im Sinne einer Täter-Opfer-Umkehr zu einem "ethnischen Genozid" an der italienischen Zivilbevölkerung in der Umgebung Triest und Istriens - und das heißt im ehemaligen Julisch Venetien - hochstilisiert, was jedwede Erinnerung an den faschistischen und nationalsozialistischen Genozid an den Slawen tilgt.

Literatur:
Arendt 1999 Capogreco 2001, 2004
Celan 1983
Enzo Collotti 1998
Hilberg 1997
Jezernik 1999
Klinkhammer 2003
Levi 1990
Bernard Meares, Where the Balkans Begin. The Slovenes in Trieste, 1999, URL: http://miran.pecenik.com/ts/balkan/balkan5.htm (18.3.2005)
Mantelli 1998
Mantelli 2003
Moos 2004
Scalpelli 1995
Slataper 1988
Stuhlpfarrer 1975
Glenda Sluga 2001
Jonathan Steinberg 1997
Anna Maria Vinci 1998

 

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