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Doron Rabinovici beim Symposium Bogdan Bogdanovic beim Gedenken Doron Rabinovici beim Gedenken Referat beim Symposium 2003Oberwart 22.März 2003
Doron Rabinovici (Auszug)
Im letzten Jahr wurde hierzulande ein Plädoyer für das Vergessen gehalten, aber das Plädoyer selbst ist bloß ein Ausdruck der Auseinandersetzung, die nie und nie zu Ende geht, und immer wenn der Herzensruf nach einem endgültigen Schluß der Debatte ertönt, ist er nichts als der unfreiwillige Auftakt zum Neubeginn. Es ist, als würde einer in einem vollen Saal ausrufen: "Bitte, denken Sie jetzt fünf Minuten nicht an Läuse und auf keinen Fall ans Jucken." Sogleich kratzen sich die meisten am Kopf.
Siehe auch: Ansprachen beim Gedenken 2003Rechnitz 23.März 2003
Bogdan Bogdanovic Bogdan Bogdanovic Architekt - Belgrad/Wien
Sehr geehrte Damen und Herren! Das Schicksal hat mir leider die traurige Ehre beschert, auf dem Boden des ehemaligen Jugoslawien viele Stätten des Leides und des gewaltsamen Todes zu markieren. Zu oft habe ich mich, ob ich es nun wollte oder nicht, mit einer Frage auseinandergesetzt, die nicht zu beantworten ist: woher diese höllische Koinzidenz stammen könnte, dass sich die entsetzlichsten Akte des Auslöschens von menschlichem Leben nicht so selten gerade in friedlichen, sogar lyrischen Landschaften ereigneten. - Als ich das Denkmal in Jasenovac errichtete, am Ort, wo sich einst das furchtbare Ustascha-Lager befand, war ich sowohl von der Furchtbarkeit der Verbrechen, als auch vom völlig entgegengesetzten Natur-Bühnenbild überwältigt. Vor mir befanden sich wasserreiche Flüsse, üppige Wälder und saftige Wiesen. Haben die Henker bewusst diese außergewöhnliche Landschaft für ihre Untaten gewählt? Handelte es sich dabei nicht um einen zusätzlichen Zynismus der Mörder - ihren perversen Wunsch, dem Opfer noch die Schönheiten jener Welt vorzuführen, die es verlässt? Aber auch in dieser prachtvollen Inszenierung haben sich die Hauptdarsteller der Verbrechen bemüht, anonym zu bleiben und dadurch der Strafe zu entgehen. Diese Vorsicht war also praktisch begründet, hatte aber auch tiefere, dunklere Beweggründe. Man wollte vor allem dem Opfer das Recht auf die Privatseite des Sterbens absprechen - sein Anrecht, die Schwelle des Lebens als ein Individuum zu überschreiten, nicht als eine Nummer. Ein Postulat der "Vernichtungswirtschaft", die das eben vergangene zwanzigste Jahrhundert als schwere Last auf dem Gewissen der Menschheit hinterlassen hat. Die Täter wollten, namenlos, versteckt bleiben - und auch den Opfern raubten sie, noch vor dem Tod, den Namen. Von dem schrecklichen Schauspiel der Ermordung bleibt als stummer Beteiligter und Zeuge die umgebende Natur: schön, unschuldig und doch für immer befleckt. Alle diese, aber auch viele andere Fragen werden durch die heutige Feier geweckt, die von der Hoffnung erfüllt ist, dass sich die Übeltaten des vorigen Jahrhunderts niemals und nirgends wiederholen mögen. Doron Rabinovici Schriftsteller, Historiker, Wien, als Vertreter der IKG
Irgendwo hier wurden zweihundert Menschen verscharrt. Vielleicht unter einem Weizenfeld. Vielleicht unter einem Haus. Zweihundert Menschen zu Tode erschöpft. Sie waren zu schwach, um arbeiten, zu schwach, um marschieren - ja, zu schwach, um flüchten zu können. Ihr Tod wäre eine Frage von Stunden, von Tagen gewesen, doch ihre Ermordung war beschlossen, denn für die Mörder war sie ein Fest. Die Festüberraschung wurde angeheiterten Männern mitgeteilt: Juden erschießen als Mitternachtseinlage. Nach dieser Mordshetz gingen die Mörder wieder feiern. Wir kennen die Tatzeit: Die Alliierten waren im Vormarsch. Das Dritte Reich löste sich auf. Wir kennen das Täterprofil: Wer nun noch Juden mordete, wollte damit keine Karriere mehr machen. Wer nun noch Juden mordete, mußte nicht einmal SS-Mann sein. Nein, nicht von Auschwitz ist die Rede, nicht von Gaskammern oder Krematorien. Teils wurde die Front vernachläßigt, war kein Mittel zu gering; nicht etwa, um sich selbst zu retten, vielmehr, um Juden zu morden. Keiner von ihnen durfte im Straßengraben oder im Kreuzstadl übersehen werden. Nicht bei Riga und nicht bei Rechnitz. Meine Mutter, meine Großmutter, aus Wilna, auch sie blieben ermattet liegen, auch sie hätten erschossen werden sollen auf einem Todesmarsch, aber sie wurden doch gerettet, befreit. Von der großen Familie in Wilna überlebten drei Menschen, der Großonkel, die Großmutter, die Mutter. Sonst wissen wir kaum etwas über die anderen. Kein Grabstein, sie zu betrauern, kein Friedhof. Die Ermordung war nicht nur ein physischer Akt. Zuerst kam die soziale, die seelische Vernichtung. Das Verbrechen sollte nichts vom Opfer übriglassen. Keine Spur der Existenz. Die Verbrecher wollten den totalen Mord. Ihre Opfer hatten die Züge nach Auschwitz selbst zu zahlen, Gruppentarif. Nur Kinder unter vier Jahren wurden gratis in die Gaskammern gebracht. Die Opfer wurden entmenscht. In Österreich liegen allerorten an den Wegen des Todesmarsches in noch unentdeckten Massengräbern ungarische Juden verscharrt. Erinnerung bedarf keiner Rechtfertigung. Für die Toten gibt es keine Rettung, nichts kann wieder gutgemacht werden. Sie zu vergessen, das Vergessen voranzutreiben, die Erinnerung nicht zu bewahren an sie, heißt sie ein zweites Mal auslöschen, vernichten, ermorden. Deshalb mühen sich Überlebende die Erinnerung aufrecht zu halten. Für sie ist es entscheidend, daß wir ihrer gedenken. Die ehemaligen Häftlinge sprechen von den Qualen, die sie damals verfolgten, von den nächtlichen Albträumen, daß niemand ihnen glauben werde, falls sie befreit würden; von der Erkenntnis, daß die Nachwelt von keiner ihrer Widerstandshandlungen, bei der sie das Leben lassen müßten, erfahren würde. Von ihren Versuchen, unter Gefährdung ihres eigenen Lebens, Aufzeichnungen aufzubewahren: In Ebensee versteckten Häftlinge die Todeslisten in Feuerlöscher. In Warschau schrieb ein ! Mann einen minutiösen Bericht auf kleinste Zettelchen und verwahrte sie in Flaschen, die er versteckte. Seinem kleinen Sohn zeigte er die Verstecke. Er wurde ermordet, sein Sohn überlebte und suchte die Flaschen und publizierte jetzt die Aufzeichnungen. Die Auslöschung des Namens gilt bei den Juden als ärgster Fluch: Nicht gedacht soll Deiner werden. Millionen Ermordete, die keine Grabstätte haben, keine sterblichen Überreste, manchmal kein Todesdatum, kein Ort, ja deren Tod manchmal nicht einmal bezeugt werden kann. Das Kreuzstadl ist nicht eine Erinnerung an Mordopfer aus fernen, historischen Epochen. Noch leben die Überlebenden, noch leben die Mörder. Es ist nicht bloß ein geschichtliches Denkmal, sondern ist noch immer ein aktuelles Zeichen. Ein Meilenstein auf dem Weg zu einem Vergangenheitsbewußtsein in Österreich. Solch ein Gedenkstein ist in Österreich nicht selbstverständlich. Im Gegenteil. Die Geschichte des Mordes; die Geschichte seines Vergessens und Verschweigens ist der Makel von Rechnitz. Aber Rechnitz ist mit diesem Monument wiederum in Österreich ein positives Beispiel. Kann irgendjemand einen Berg, eine Wiese, eine Straße verantwortlich machen dafür, was Menschen taten? Das Verbrechen lag nicht in der Natur dieser Region oder einer anderen. Darüber, was dieses Land ausmacht, entscheidet seine Bevölkerung, entscheiden die einzelnen Gemeinden, entscheidet jeder und jede einzelne; jeden Tag. Dieses Land und seine Menschen können sich selbst befreien, mehr noch: Letztlich kann kein Jude und kein Vertreter der Kultusgemeinde jene Worte der Befreiung sprechen. Es sind die Menschen hier, nur sie können sich selbst befreien. Es ist, möchte im Sinne von Sartre sagen, eine Frage auf Leben und Tod. Nicht nur für Juden, für alle Menschen. Denn solange ein Jude, ein Roma, ein Moslem Angst haben muß um sein Leben, nur weil er Jude, weil er Roma, weil er Moslem ist, wird niemand seines Lebens sicher sein, nicht in Paris, nicht in Wien, nicht in Rechnitz. |