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Referate bei der Tagung 2006Oberwart, 25.März 2006
Heribert Schiedel Prekäre Erinnerung – Österreich nach dem „Gedankenjahr“ Vergangenes Jahr wurden wir Zeuginnen und Zeugen der Inszenierung eines geläuterten und mit seiner Geschichte im Reinen befindlichen Gemeinwesens. Dass das "Gedankenjahr" mit Nachdenken und selbstkritischem Innehalten wenig zu tun hatte, verdeutlichte etwa ORF-Direktorin Lindner, als sie Anfang 2006 öffentlich hoffte, dass Mozart-Jahr werde "genauso ein Erfolg wie das Gedankenjahr". Neben dem kommerziellen Erfolg, gab es noch andere zu vermelden: "Allein, einen Gewinner dieses Jahres gibt es doch: Die Zeitgeschichte. Die Fixierung auf 1938-1945 wurde geschwächt, das Bewusstsein für die Zeit nach 1955 gestärkt." (Anneliese Rohrer, Kurier, 26. 10. 05) Und Alfred Payrleitner meinte über die Belvedere-Ausstellung "50 Jahre Österreich": "Sie ging von der Grundeinstellung aus, dass es sinnlos ist, einen permanenten Zivilprozess gegen Teile der eigenen Vergangenheit zu führen". (Kurier, 24.2.06) Der Prozess der Nationalisierung der Zeitgeschichte, ihre Indienstnahme für die Anliegen der Nation, hat tatsächlich im "Gedankenjahr" eine neue Dynamik bekommen. Diese Dynamik soll gegenwärtig für den Aufbau eines "Hauses der Geschichte" genutzt werden. Zu diesem "Haus" haben nur jene Zutritt, die nicht auf den Nationalsozialismus und seine Verbrechen "fixiert" sind, die nicht mit Hannah Arendt beim "Grauen verweilen" wollen oder können und stattdessen ein "Bewusstsein" für die Erfolgsgeschichte der Zweiten Republik haben. Darum ist weder das Institut für Zeitgeschichte noch das DÖW oder eine andere Institution, die Wesentliches zur NS-Vergangenheit zu sagen hätte, in die Planung dieser nationalen Selbstbeweihräucherungsstätte eingebunden. Angesichts dessen muss man den Herren Kampl und Gudenus für ihre Beiträge im "Gedankenjahr" geradezu dankbar sein: Als "unfreiwillige Aufklärungsmaschinen" (Robert Schindel) störten sie die selbstgerechte Inszenierung, machten sie deutlich, dass Österreich nach wie vor eine "gespaltene Nation" (Anton Pelinka) ist. Auf der einen Seite der Grossteil der politischen, intellektuellen und kulturellen Eliten, auf der anderen weite Teile der Bevölkerung, die von Ressentiments gebeutelten "kleinen Leute" samt ihren autoritär-populistischen Vertretern, an welche sie ihre Rachewünsche und Aggressionen delegieren. Tatsächlich war es die Fähigkeit Jörg Haiders, diesen Spalt zu vergrößern und für sich nutzbar zu machen, die seinen Aufstieg begünstigte. Der ab Mitte der 80er Jahre in die Krise geratenen Gemeinschaft der "Opfer" bot er sich als "magischer Helfer" (Erich Fromm) gegen die narzisstische Kränkung, welche die damals einsetzende Unhaltbarkeit des Opfer-Mythos auslöste, an. Haider reihte sich "als einer von euch" ein unter die Gekränkten und kanalisierte das Ressentiment gegen die "da oben", allesamt Verräter und Vertreter fremder Interessen. Dass es sich hierbei um jüdische und Interessen handelt, deutete er mit zahllosen Anspielungen, etwa auf die "US-amerikanische Ostküste", an. Der erinnerungspolitische Backlash setzte lange vor dem "Gedankenjahr" ein. Andreas Mölzer nannte im Februar 2000 als Ziel der FPÖVP-Regierung die "Überwindung des typisch deutschen und damit österreichischen Nationalmasochismus und die Gewinnung eines geläuterten, auf historischer Wahrheit beruhenden zukunftsfähigen Selbstbewußtseins des österreichischen Gemeinwesens". (Zur Zeit, Nr. 5/00) Dieser als "Selbstbewusstsein" verharmloste Nationalismus verträgt sich nicht mit der Erinnerung an die NS-Verbrechen, die maßgeblich von Österreichern geplant und begangen wurden. Das gilt insbesondere für die Shoah, der planmäßigen Vernichtung der europäischen Jüdinnen und Juden. Diese steht bis heute der positiven Identifikation mit dem deutschen oder österreichischen Kollektiv im Wege. Darum sind es vor allem NationalistInnen, die versuchen, die Barbarei zu leugnen oder zu verkleinern, "um nicht der Möglichkeit jener Identifikation verlustig zu gehen" (Adorno). Während die offene Leugnung der NS-Verbrechen, der "Revisionismus", weitgehend auf neonazistische und islamistische/arabisch-nationalistische Kreise beschränkt ist, ist ihre Relativierung weit über diese Zirkel hinaus verbreitet. Mit der Rede von "Bombenkrieg" und "Vertreibungs-Holocaust" wird auch in nicht-rechtsextremen Medien versucht aufzurechnen, was nicht aufzurechnen ist. Die Täter-Opfer-Umkehr bedient ein weit verbreitetes Bedürfnis nach Entlastung und muss leider mittlerweile fast als hegemonial in der massenmedialen Öffentlichkeit bezeichnet werden. Insofern gab vor kurzem Mölzer in seinem Blatt "Zur Zeit" (Nr. 50/04) zu Recht die Erfolgsmeldung aus: "Bereits seit zwei oder drei Jahren gibt es im Bereich der Geschichtsaufarbeitung des Sachbuchs oder der Filmdokumentation einen Trend, die deutsche Geschichte und die deutsche Identität frei von ewiger Selbstverdammung aufzuarbeiten. Bombenopfer, Kriegstote und Vertriebene werden dem Vergessen entrissen, wobei die Deutschen nicht mehr als Täter, sondern als Opfer dargestellt werden." Die kollektive Selbstviktimisierung, welche durch die Krise des österreichischen Opfer-Mythos nur modifiziert wurde, ging und geht nach wie vor Hand in Hand mit dem Verschwinden der tatsächlichen Opfer in der institutionalisierten Erinnerung. In einem Aufruf der BM Gehrer an die österreichischen Schülerinnen und Schüler hieß es am Vorabend des "Gedankenjahres": "Das Jahr 2005 wird ein wichtiges Gedenkjahr. Wir erinnern uns an Ereignisse, die Österreich stark beeinflusst und verändert haben: Vor 60 Jahren, im Mai 1945, endete der Zweite Weltkrieg. 7 Jahre herrschte dieser furchtbare Krieg, der vielen Menschen das Leben kostete, Städte in Schutt und Asche legte, unvorstellbares Leid und Zerstörung brachte." Bundespräsident Fischer nannte in seiner Rede am 27. April 2005 zwar die Opfer, jedoch nur, um sie gleich wieder in der Masse verschwinden zu lassen: "Der Zweite Weltkrieg hat unter der österreichischen Bevölkerung insgesamt mehr als 350.000 Menschenleben gefordert, darunter 65.000 jüdische KZ-Opfer. Ich ehre alle Opfer dieser unseligen Periode, gleichgültig ob sie unter der Zivilbevölkerung oder unter den Soldaten zu beklagen waren". Mit den tatsächlichen, jüdischen Opfern verschwindet auch der Antisemitismus im institutionalisierten Gedächtnis: Die alljährlich vom österreichischen Parlament am 5. Mai begangene Gedenkveranstaltung steht unter dem Motto "Gegen Gewalt und Rassismus". Wieder war es BP Fischer, der 2005 am Vorabend des Jahrestages der Befreiung von Auschwitz die Jüdinnen und Juden nicht erwähnte und anstatt vom Antisemitismus von "Brutalität, Haß, Grausamkeit, Ungerechtigkeit, Sadismus, Rücksichtslosigkeit, Gewalt gegen Kinder und Frauen" sprach. Dieses Phänomen des Verschwindens des Antisemitismus ist nicht auf Österreich beschränkt: Auch in der einstimmig angenommen Resolution der UN-Generalversammlung, mit welcher der 27. Jänner zum weltweiten "Holocaust-Gedenktag" erklärt wurde, findet (aus Rücksicht auf die arabischen/muslimischen Mitgliedsländer) der Antisemitismus nicht Erwähnung. Das Verschwinden lassen des Antisemitismus im Rassismus hat System und Logik: Während nur Jüdinnen und Juden Opfer des Antisemitismus sein können, bedroht der Rassismus potentiell alle. Mit der Universalisierung der Opfer einher geht die der Täter, darum auch die dauernden Hinweise auf den Rassismus der Kolonialmächte und in den USA, die einzig der Minimierung deutscher und österreichischer Schuld dienen. Mit dem Einklagen der Erwähnung des Antisemitismus soll aber nicht, wie so oft unterstellt, das Leid anderer Opfer-Gruppen, allen voran der Roma und Sinti, in Abrede gestellt oder vergessen werden. In seiner perfidesten Version des gegeneinander Ausspielens der Opfer macht diese "Kritik" wenn oft auch nur implizit die Jüdinnen und Juden (aufgrund ihrer unheimlichen Macht) und nicht den anhaltenden Rassismus für das lange "Vergessen" der anderen Opfer der NS-Vernichtungspolitik verantwortlich. Die bloße Erwähnung des Rassismus, unter welchem der Antisemitismus subsumiert wird, hat also wenig mit dem Recht der anderen Opfer auf Erinnerung zu tun. Hingegen hat sie viel zu tun mit dem kollektiven Unbehagen angesichts der mittlerweile verdächtig schnell attestierten Singularität der Shoah, die eben u. a. ohne den massenhaften Antisemitismus nicht zu begreifen ist. Darum bleibt sie auch so folgenlos fürs Bewusstsein. Wie erwartet war im "Gedankenjahr" viel von "Vergangenheitsbewältigung" zu hören. Mit Günther Anders ist dieser Ausdruck als "Geschwätz" zu entlarven: "Ihm liegt nicht die kümmerlichste Einsicht in das zugrunde, was den Deutschen (und ÖsterreicherInnen, Anm.) während der zwölf fatalen Jahre seelisch zugestoßen, oder richtiger: eben nicht zugestoßen ist." Tatsächlich zeigt die Rede von der zu bewältigenden Vergangenheit eine Umkehrung der Rollen von Tätern und Opfern an, denn bewältigt werden kann nur ein Trauma. Sehen wir mal vom Verlust des geliebten "Führers" und vom Zusammenbruch des arischen Größenselbst ab, kann im Falle der Täter, Zu- und WegschauerInnen und ihrer Nachkommen tatsächlich nicht von einer Traumatisierung gesprochen werden. Insofern haben diese streng genommen auch weniger an Wissen zu verdrängen, als vielmehr bewusst und aktiv zu vergessen oder erst gar nicht zuzulassen. Die Begriffe Abwehr und Verdrängung sind im Zusammenhang mit den NS-Verbrechen und jenseits der Reaktionen der Opfer weniger in ihrer engeren, psychoanalytischen Bedeutung zu verstehen, sondern unter Miteinbeziehung politischer und sozialer Dimensionen. Der sekundäre Antisemitismus, die Abwehraggression gegen die Opfer, hat nicht nur unbewusste Ursachen. Mit Adorno ist hier vielmehr zu betonen, dass die "Tilgung der Erinnerung" an Auschwitz "eher eine Leistung des allzu wachen Bewusstseins als dessen Schwäche gegenüber der Übermacht unbewusster Prozesse" darstellt. Rudolf Burger hat in seinem berüchtigten "Plädoyer für das Vergessen" als Argument gegen die Verdrängungs-These die massive mediale Präsenz von Nationalsozialismus und "Holocaust" seit den 80er Jahren in Anschlag gebracht. Jedoch ist diese Präsenz nicht zu verwechseln mit substantieller, kritischer Aufarbeitung und einer Erinnerung, die jenseits der kulturindustriell ausgetretenen Pfade der Sentimentalität beim Grauen verweilt. Das gegenwärtig so verbreitete "Plappern über ‚damals'" (Klaus Kreimeier) ist nicht zu verwechseln mit dem Wissen über die NS-Verbrechen. Dieses Wissen meint zudem nicht nur die bloße Präsenz von Fakten im Bewusstsein, sondern auch und vor allem die emotionale Besetzung dieses Wissens und die Konsequenzen, die daraus folgen - eben das, was Erinnerung ausmacht. Die kulturindustrielle Aufbereitung und Verwertung der NS-Verbrechen stört die Abwehr nicht nur nicht, sondern befördert vielmehr das Vergessen, zieht der Erinnerung ihren Stachel: "Die massenmediale Kultur hat Auschwitz assimiliert. Das zu begreifende Unbegreifliche ist in eine triviale Banalität verwandelt worden (...). Die unterschiedlichen Gefühle von Schuld, die durch die massenmediale Konfrontation mit dem Verbrechen ausgelöst werden, werden am Bewusstsein vorbei in Sentimentalität verwandelt - eine Form des Kitsches, die der Unterhaltungsindustrie eigen ist." (Detlev Claussen) Die Kulturindustrie verwandelt "Gewalt in folgenlosen konformistischen Genuss." Der Erfolg der kulturindustriellen Aufbereitung der Shoah zum "Holocaust" hat eine zentrale Ursache im Bedürfnis, sich selbst kein Bild und keinen Begriff machen zu wollen. Durch die Integration des Grauens in den herkömmlichen Erzählfluss und die gewohnte Bilderwelt verliert dieses seine monströse Einzigartigkeit. Den KonsumentInnen ermöglicht dies, der drohenden grenzenlosen Ohnmacht und Verzweiflung angesichts dieses Grauens auszuweichen. Erlauben sie mir hier noch eine kurze Anmerkung zum soziokulturellen Raster, durch welchen wir Auschwitz wahrnehmen, zur Form in welcher uns die NS-Vergangenheit entgegenblickt. Wenn, dann erinnern wir uns weniger in Form von Texten als in Form von Bildern. Bei diesen handelt es sich in der Regel aber nicht um dokumentarische Aufnahmen oder zufällige Schnapsschüsse, sondern um "präzise komponierte Bilder, die die nationalsozialistische Führungselite selbst komponiert hat." "Die Erinnerung an das ‚Dritte Reich' ist also nicht zum wenigsten durch die nationalsozialistische Elite selbst in Form gebracht worden (…). Das Bild, das wir heute vom Nationalsozialismus haben, geht in vielen Facetten auf eine Skizze zurück, die die Nazis selbst entworfen haben. Sie haben das Interpretament für die Deutung der Zeit ihrer Herrschaft schon mitgeliefert." (Harald Welzer) Auch im bildhaft vermittelten Blick auf das Grauen existiert "eine fatale Entsprechung zwischen dem, was die Täter aus den Opfern gemacht haben und der Art, wie wir die Opfer wahrnehmen". So viel zum weit verbreiteten blinden Glauben an die positive, aufklärerische Macht der Bilder. Jenseits der zweifelsohne oft gegebenen pädagogischen Nützlichkeit ist auch die verbreitete Musealisierung jüdischer Geschichte und jüdischen Lebens kritisch zu hinterfragen. Das erste jüdische Museum wurde 1942 in Prag als "Museum einer untergegangenen Rasse" von den Schergen Himmlers etabliert. Dieser innere Zusammenhang zwischen der Archivierung/Musealisierung einer Kultur und der Vernichtung ihrer TrägerInnen wäre zu berücksichtigen. Stattdessen geht aber die Begeisterung für vergangene jüdische Kultur oft einher mit einer weitgehenden Ignoranz gegenüber den Opfern und aktuellem jüdischen Leben und seinen Bedrohungen. Der Vorrang der Kultur oder Geistesgeschichte gegenüber den Menschen, äußert sich auch in vielen Mahnmalen/Gedenkorten und Texten/Reden, die im Kern bloß den eigenen Verlust (des "jüdischen Beitrages" zum österreichischen Kultur- und Geistesleben) und nicht das Leiden der Millionen Opfer beklagen. Vielerorts wurde zu Recht eine Ritualisierung der Erinnerung und des Gedenkens kritisiert. Aus der kritisch-analytischen Psychologie wissen wir, dass die Ritualisierung vor allem eine Strategie gegen eine drohende Überwältigung ist. Daneben kann das Ritual, die erstarrte Form, aber auch von den Mühen der inhaltlichen Auseinandersetzung befreien. Insofern gilt es auch bei dieser Kritik mit einzubeziehen, vor welchem Hintergrund die Flucht ins Ritual gesucht wird: Einmal ist es Überlebensstrategie, das andere mal Ausdruck von Bequemlichkeit, der Weigerung, beim Grauen zu verweilen. Als moderner, bürokratischer "Verwaltungsmassenmord" (Arendt), als Bruch in der Zivilisation stört die Shoah auch den Fortschrittsoptimismus in seinem blinden Glauben an diese Zivilisation. Der Umschlag der Dialektik der Aufklärung in Barbarei kann nicht anders integrieren werden, als dass letztere aus dem historischen Zusammenhang rausgestellt wird: Auschwitz als Betriebsunfall der Moderne oder einer Zivilisation, die eigentlich ein ganz anderes Ziel hat. Hier kann die an und für sich berechtigte Rede von der Unbegreifbarkeit und Unsagbarkeit dessen, was geschah, als Vorwand dafür dienen, alle Versuche zu verstehen, von vornherein für sinnlos zu erklären. Es ist also nicht nur die eingangs erwähnte Sucht nach positiver Identität und nach Normalität, welche die Erinnerung bedroht, sondern auch die nach einem positiven Sinn der Geschichte. Daneben ist es die Parteinahme für die (vermeintliche) Sache der PalästinenserInnen, die Feindschaft gegenüber Israel, die auch und gerade Linke gegen die Erinnerung anrennen lässt. Ausgehend von der nicht falschen Annahme, dass ohne die Shoah wohl der Staat Israel nicht existieren würde, tun sie alles, um nicht an das Menschheitsverbrechen erinnert zu werden. Da nur wenige Linke den Schritt zur offenen Leugnung wagen - wie z.B. der vormalige Chefideologe der KPF, Roger Geraudy - machen sie mit Norman Finkelstein einen Umweg über die behauptete "Holocaust-Industrie", ein Begriff über dessen Urheberschaft übrigens sich die beiden Neonazis David Irving und Ernst Zündel streiten. Diese Methode findet nicht nur unter linken AntizionistInnen Anwendung, sondern auch unter TierrechtsaktivistInnen, die etwa von "Hühner-KZ" oder "Holocaust auf unserem Teller" sprechen. Dort, wo es nicht unmittelbar der Antisemitismus ist, der zu solchen Gleichsetzungen verleitet, muss von einer Instrumentalisierung fremden Leidens für die eigenen Zwecke gesprochen werden. Dies gilt auch für die in Legitimationsdiskursen militärischer Gewalt verbreitete Neigung, jüngere Verbrechen mit denen der NationalsozialistInnen gleichzusetzen. Im öffentlichen Diskurs ist ein Formwandel von Abwehr und Verdrängung festzustellen. Anstatt über Auschwitz und der eigenen Schuld zu schweigen, kommt heute fast keine Sonntagsrede ohne den Verweis auf das Unsägliche aus. Dieser dient aber nicht dem Abrufen der Erinnerung zum Zweck der Durcharbeitung und - damit verbundenen - Selbstreflexion, sondern hat andere Ursachen, etwa die Selbstermächtigung zu (militärischen) Wächtern über die Einhaltung der Menschenrechte. Aus dem, was Deutsche und ÖsterreicherInnen den Jüdinnen und Juden angetan haben, wird deren Qualifikation zum ideellen Gesamt-Menschenrechtsaktivist. Am Beispiel der berühmten Vranitzky-Rede 1991, die eben das Eingeständnis der österreichischen Mitschuld und den gerade beginnenden Sezessionskrieg in Jugoslawien zum Inhalt hatte, lässt sich zeigen: Die gerade eingestandene (Mit)Schuld wurde umgehend in eine moralische (Mit)Verantwortung für den Weltfrieden, die Menschenrechte oder was sonst auch immer transformiert. So sprach der damalige deutsche Außenminister Scharping von der "Rampe in Srebrenica", dienten die angeblichen "Lehren" aus Auschwitz als Legitimation der militärischen Intervention im jugoslawischen Bürgerkrieg. Und Hans Magnus Enzenberger entdeckte 1991 "Hitler in Bagdad". "Man hat es nicht so eilig mit dem Schlussstrich unter die Vergangenheit, wenn sie der Abwehr dient." (Adorno) Dieser Satz trifft auch die Blüten, welche seit einiger Zeit die so genannte Holocaust-Education treibt: Da wurden etwa unlängst Hunderte SchülerInnen angehalten, sich ein NS-Opfer auszusuchen und ihm einen Brief in den Himmel zu schicken. Anstatt sie aufzufordern, sich mit den Tätern auseinander zu setzen, wurden die Kinder und Jugendlichen eingeladen, sich vorschnell mit den Opfern zu identifizieren. Aber wie meinte unlängst der Wiener Planungsstadtrat Schicker im Zusammenhang mit einer Gedenkstätte am ehemaligen Aspangbahnhof: Das öffentliche Gedenken solle "niemanden verletzen". Und damit waren nicht die Opfer gemeint. Schließlich ist es der sich permanent verstärkende Zwang zur Bejahung der schlechten und nicht (mehr) veränderbaren Wirklichkeit, welcher auch negative Folgen für die Erinnerung hat. "Das Schreckbild einer Menschheit ohne Erinnerung", die "Ahistorizität des Bewusstseins" ist laut Adorno der "Bote eines statischen Zustandes der Realität". Die Erinnerung an das Leiden, welche nicht unter dem Zwang des Positiven und Ganzen steht (z. B. als Fundus für die obligaten "Lehren aus der Geschichte" oder andere Legitimationsdiskurse), macht utopiefähig, wie Ernst Bloch betonte. Darum kämpfen die Apologeten des status quo zu aller erst gegen die Erinnerung an das Menschheitsverbrechen. Und von daher ist es kein Zufall, dass Rudolf Burger seine Wendung zum schwarz-blauen Hausphilosophen mit einem "Plädoyer für das Vergessen" eingeläutet hat. Sein Kampf gegen die Erinnerung zielt auf den Kern des Judentums selbst, ist somit als strukturell antisemitisch zu qualifizieren. Im Talmud heißt es: "In jeder Generation muss man sich selbst so betrachten, als habe man selber am Auszug aus Ägypten teilgenommen." Um an den Träumen über die befreite Zukunft teilhaben zu können, müsse jede/r die Schrecken der Vergangenheit auf sich nehmen. Dieser innere Zusammenhang von Erlittenem und Erhofftem in der jüdischen Tradition wird auch in Walter Benjamins Geschichtsphilosophischen Thesen deutlich: Vor einem Bild von Paul Klee spricht er vom "Engel der Geschichte", der die Zukunft ankündigt, sein entsetztes Antlitz jedoch den Schrecken der Vergangenheit zugewandt hat. download (pdf) |