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Referate bei der Tagung 2006

Oberwart, 25.März 2006


Peter Stöger
Wir sind das, woran wir uns erinnern (Erich Kandel)

Schatten und Ausleuchtungen

Robert Schindel stellt uns den hoch betagten Hermann Gebirtig vor. Lange hat man ihn überreden müssen und dann kam er doch nach Wien zurück. Die Nachkriegsgeneration unter Ihnen kann sich noch gut erinnern an die alten "Austria Dreier", an die Donauzigaretten und dann schon später an die Smartpäckchen. Gebirtig will in der alten Trafik Donau-Zigaretten kaufen und erfährt, dass es die "Donau" nicht mehr gebe. Dafür lebt aber noch der alte Trafikant, der ein Nazi war. Der schenkt ihm ein, ein Kirschwasser.
Dann sagt er: "Nichts ist mehr wie früher!", woraufhin Gebirtig antwortet: "Gott sei Dank!" (zit. Nach Washietl, 1995, o.P.). Man hört ihn rollen den Stein, der herunter gefallen ist.

Stein und Erinnerung. Daran gemahnt auch der Berg "Gschriebenstein" bei Rechnitz, in dessen Nähe Entsetzen geschah, jenes Entsetzen, dessen wir heute gedenken: die zum Kriegsende ermordeten rund 180 ungarischen Juden, allesamt beim Bau des Südostwalles eingeteilt waren. Entsetzen heißt im hebräischen Shoah.
Lange habe ich herumgesurft im Internet auf der Suche nach der Namensgebung "Gschriebenstein". Erst dachte ich an eine Verballhornung, an eine Verähnlichmachung und dann hörte ich, dass es sich schlicht und einfach um eine wortgetreue Übersetzung des älteren ungarischen Namens "Irotkö", eben "Geschriebenstein", handelt. Ein Haufen voll der Steine. Unter "Haufen" versteht man eine Mengenbezeichnung. Alte Schulordnungen sprechen z. B. von "Haufen". Geschriebene Steine kennt das Schatzhaus der Athene in Delphi. Geschriebene Steine können Obelisken sein oder Stelen. Geschriebene Steine sind die zu Straßenplatten hin "umgewandelten" jüdischen Grabplatten. Die am meisten beredte Ansammlung von Steinen mit der Einschrift der Sehnsucht ist in Jerusalem: "Zum Pesachfest treffen wir uns in Jerusalem", das ist die Einschrift der Klagemauer. Aber auch all der Klagewände zwischen Mauthausen mit seiner Steinstiege und Treblinka, zwischen Buchenwald und Birkenau.
Dort wo, so wurde mir berichtet, der verworfene Eckstein hingelangte, ist der Tempel noch bruchstückhaft vorhanden. Der verworfene Stein als Aufbaustein der Klagemauer.
Unzählig sind sie nun die Komposita und Redewendungen zum Thema Stein, die geografischen Bezeichnungen, vom Stein am Anger bis zum Steinernen Meer die eigenschaftliche Bezeichnungen von steinreich bis zu steinalt.

1. Gedankenbogen: Stein und Erinnerung

"Lobgesang aus Stein", nennt sich zum Beispiel ein Erinnerungsbuch zur 750 - Jahr - Feier des Kölner Domes (Erich Läufer/ Robert Boecker, 1998). Ein weiteres Buch das ich stellvertretend für all die Bücher in denen "Stein" im Titel auftaucht, Bücher, die keine geologischen oder mineralogischen Bücher sind, nennt sich: "Nur ein Stein blieb. Eine Geschichte von Flucht und Vertreibung". Das Berliner Holocaust-Mahnmal in Berlin wird oft als "Gedächtnis aus Stein" bezeichnet. Diese Steinarten dürfen freilich keine Verhüllungen aus Stein werden, keine steinernen Schlussstriche, keine Anbiederungszeichen an das "was sich gehört".All die Steinmale dürfen Geschichte nicht versteinern. Einmal am Jahr hingehen mit "versteinerter" Miene, dastehen und weggehen als wäre nichts geschehen, nimmt den Steinen Leben. Es konnte eintreten wovon Christoph Jahr in einer Rückbesinnung auf "Deutsche Erinnerungsorte" schreibt: "Marmor, Stein und Erinnerung bricht" ( 21.3.2006, Die Zeit)

Die Erinnerungskultur ist eine Disziplin, die - neben Geschichte - alle humanwissenschaftlichen Disziplinen berührt. Der Sozialpsychologe Harald Welzer, der mit seinen Büchern wie "Opa war kein Nazi" und "Täter" bekannt wurde und die Gruppe "Erinnerung und Gedächtnis" am Kulturwissenschaftlichen Institut in Essen leitet, beschäftigt sich mit Theorien der Erinnerung.
Denken wir über Stein und Erinnerung nach, gilt es einem Sog, dem einer ausschließlichen Rückwärtsgewandheit entgegenzusteuern. Sprachlos dürfen sie nicht werden die Steine. Aharon Appelfeld, ihre Mutter und Großmutter wurden m KZ ermordet, sagt auch in ihrer Autobiographie (Berlin, 2005): "Ohne Sprache wäre ich wie ein Stein". Und es gibt sie die toten Steine in den Steinbrüchen menschlicher Existenz. Nicht Aufbausteine, sondern Niedergangssteine.
Worte oder Steine können die Erinnerungen einkreisen und gefangen nehmen, dann wenn sie entfremdet oder konkretistisch benützt sind.
Erinnerungsorte sind keine Planquadrate. Dann wäre das, was erinnert werden soll, umstellt, verhaftet und ausschließlich auf den Gedenkstein hin eingesperrt. Wie mühsam Worte und Steine auch heute noch zurückkommen - wenn sie es nur tun! - davon berichten Erinnerungsorte, besonders solche wo das verlorene Leben noch immer verschüttet ist wie in Rechnitz mit seinen ermordeten Juden.
Hier liegen sie unter der Erde unter Steinen. Die Bestimmung eines Begräbnisortes ist in der jüdischen Tradition zentral. "Beth Chaim", Haus des Lebens, nennen sich die jüdischen Friedhöfe. Reich an Steinen sind die Erinnerungen, zum Beispiel die kleinen Steinchen auf jüdischen Gräbern. Setzen wir ein Bindestrichchen als Stolpersteinchen, sind es Er-Innerungen. Über ihre Ausleuchtung und den Schatten möchte ich sprechen. Wobei das "Licht in die Sache bringen" so gut sein kann wie eben auch Schatten, wenn er Kühlung spendet. Indes: Es gibt auch andere Ausleuchtungen und es gibt Schatten, die wie Dunkellawinen daherkommen.

2. Gedankenbogen: Der beleuchtete Schatten

Erwin Ringel erzählte ein Erlebnis: Er habe zum 60. Geburtstag von Mitscherlich eine Laudatio gesprochen.. Dummerweise habe er zugelassen, sie vorab auf Band zu sprechen.
Zu seinem Entsetzen musste er bei der Ausstrahlung feststellen, dass genau die Passage wo er auf die Mitschuld Österreichs an der NS - Zeit hingewiesen hat, gestrichen wurde.
Die Auslassung der produzierte blinde Fleck.
Es gibt deren mehrere:
Erster blinder Fleck: 1938 - 1945: Das war ein Betriebsunfall
Zweiter blinder Fleck: Wir haben´s geschafft, die Vergangenheit ist bewältigt.
Dritter blinder Fleck: Es ist kontraproduktiv viel darüber zu reden.
Vierter blinder Fleck: Die anderen haben`s auch gemacht. Die Engländer in Dresden und überhaupt. Schaut Euch an was die Israeli mit den Palestinensern machen.
Die blinden Flecken haben eine Logik; Vergessen und Vorbeischauen.

Was bei Menasse und auch bei Erwin Ringel auffällt, ist die Spezifizierung mancher menschlicher Eigenschaften der Verdrängung auf "Österreich". Nun glaube ich auch, dass Österreich ein spezieller Nährboden für das ist, was Veränderung darstellt, glaube aber nicht, dass die Österreicher die Mechanismen der Verdrängung exklusiv beherrschen. Insofern ist es interessant, Diskussionen und um die Résistance in Frankreich und rund um den Spanischen Bürgerkrieg zu verfolgen. Jorge Semprun, er hielt 1994 den Friedenspreis des deutschen Buchhandels, kommt in einem Interview auf das kollektive Vergessen in Spanien nach der Franco - Diktatur zu sprechen und sagt Worte, die auch - aber eben nicht nur - an Österreich erinnern: "Das war historisch ganz merkwürdig, wie das spanische Volk ´transicion´, diesen Übergang, vollzog: Niemand musste Rechenschaft über seine Vergangenheit ablegen, über alles breitete sich das kollektive Vergessen. Im Spanischen haben wir dafür ein wunderbares Wort, ´la desmemoria´, ich weiß nicht wie man das ins Deutsche übersetzen könnte. (2995, 8f)" Ich weiß es auch nicht. Wortgetreu übersetzt, wäre das so etwas wie ein Erinnerungs - Schwund.

Tiefenpsychologisch ist mit Österreich in diesem Jahrhundert etwas Irritierendes passiert. Österreich fiel zweimal aus einem Mutterschoß heraus, zweimal aus einem Reich. Einmal aus einem guten Schoß (zumindest im Rückhinein sehen es viele so), dem der Monarchie und einmal aus einem bösen (in den hineinzukommen sich aber nicht wenige bemüht hatten), dem des Großdeutschen Reiches.
Dieses Österreich hat einige Male seinen Anzug wechseln müssen. "Des Kaisers neue Kleider", doch der Kaiser war in Madeira. Und dann kam Otto von Habsburg, der hatte lange Zeit einen österreichischen Pass, aber mit der Eintragung "Gültig für alle Staaten der Welt mit Ausnahme von Österreich". Auch so ein , frei nach Menasse, "Entweder - und - Oder". Bis dann ein der Restaurierung der Monarchie sicher nicht verdächtiger Kanzler ( im Falle von Kaiserin Zita aufgrund von Geheimdiplomatie seitens des Spanischen Königshauses) die Einreisebeschränkung aufhob. Es war Bruno Kreisky, gerade jener Politiker, der bislang wie kein anderer Politiker der Ersten und der Zweiten Republik wie ein Ersatzkaiser wirkte.
Dann hat Österreich das Kleid des Ständestaates tragen müssen und später - als Ostmark - die Uniformen des Dritten Reiches. Kein Wunder also, dass die Matrosenanzüge der Wiener - Sängerknaben mit so viel Anhänglichkeit gepflegt werden. Den Kleiderwechsel beschreibt Menasse: " Mühsam hat es nun eine neue, und wie es glauben wollte, endgültige Identität aufgebaut, die sich gleichsam als Matrosenanzug zeigte …. Wir sind gewissermaßen Sängerknaben, unschuldig, kindlich, genial. Aber unserer Bedeutungslosigkeit ermöglichte uns ein gutes und unbehelligtes Leben und befähigte uns zu außergewöhnlichen Leistungen ( zum Beispiel: ´Vier Österreicher unter den ersten drei!´, wie die Kronen Zeitung einmal titelte).(1993,45)"

Sich erinnern, im Sinne von geschichtlich leben heißt, über persönlich gelagerte Schichten, über Lebensgeschichten sich zu besinnen und dabei Wege notwendiger Handlungen zu beschreiten. Eine abgerissene Verbindungnahme zur eigenen Geschichtlichkeit und zum eigenen Fremden verstärkt aber die Tendenz der psychischen Auslagerung. Ihr steht die Sehnsucht nach "daheim" gegenüber.

Heimatverluste und die Wegspiegelungen von sehnsuchtsvollem oder abscheulichem Eigenem zu Fremden hin haben so manche Probleme zwischen den Generationen verschärft, also: das Fremdsein in der eigenen Familie. So sind wir zunehmend auch mit einem Phänomen konfrontiert, für das der Ausdruck "schattenlose Menschen" passend ist. Was könnte gemeint sein? Damit sind beispielsweise Jugendliche der späten Zweiten Nachkriegsgeneration, Jugendliche, die in eine "print -reprint-Gesellschaft", in eine schattenlose Welt von Sound und Video hineingeboren wurden, gemeint. Das Generationenproblem - uralt - akzeleriert. Die moderne Technik erlaubt schattenlose Aufnahmen, und viele reproduzieren die perfekten Ausleuchtungen. Sind auch sie noch Opfer der langen, hellen Schatten der NS - Zeit, jener perfekten Ausleuchtetechniken, wie sie "auf der Rampe" und in den Verhörstuben der SS üblich waren?

1938 - 1945: das ist der weiße,blinde Fleck in der Geschichte Österreichs: Das schattenlose Licht ist der Versuch eines Umganges mit dem gleißenden Dunkel von Schuld und Ohnmacht.Schattenloses Licht will das funkelnden Dunkel wegzaubern in blendendes Heil. Schmid schreibt: "Die Metapher des weißen Flecks ist vieldeutig; sie verkörpert Herausforderung und Ärgernis, die Faszination geht unversehens in Bedrohung über. (1982,264)
Ein Fleck kann auf das Auge so weiß, so blendend wirken, dass das Auge davon blind wird ( auf dem Gletscher kann die fehlende Sonnenbrille fatale Folgen haben). Umgangssprachlich kennen wir auch: Mir geht´s "blendend".
Somit sind wir an einer zentralen Stelle angelangt: Der weiße Fleck wird zum blinden Fleck. Je heller das Licht, desto prägnanter der Schatten. Und der, losgelöst ( und wehe wenn er vom Beleuchteten sich verselbständigend trennt), macht Angst. Das Vakuum ist das existentielle schwarze Loch, das - wie beim Sternenzerfall - das Licht nicht mehr herauslässt, es zurück biegt. Das macht Angst. Wenn aber vom Licht der Schatten weggezaubert ist, weil die Ausleuchtung so gut klappt, ich im hellen Engelskleid dastehe, dann bin ich die schattenlose helle Existenz (die technisch möglich wurde).

Besonders starke Scheinwerfer sind die Scheinwerfer von Lichtmaschinen, die Bilder, stille oder bewegte, an die Wand werfen. Lehrer wissen zu erzählen, dass man Kinder manchmal davor zurückhalten muss, in ihrer Neugierde in einen laufenden Diaprojektor hineinzuschauen. Auch hier: im schlimmsten Fall kann die Grelle des Lichtes blind machen. Eine Zeitzeugin Anne Franks im KZ Bloeme Evers - Emden hat die fast schattenlose Ausleuchtung der Rampe in Auschwitz, an der so manche Österreicher als Opfer, als Täter standen, in Erinnerung: "Wir wurden mit unserem Gepäck zu einem großen Platz geführt, der von unheimlich starken Lampen angestrahlt wurde, so stark, dass ich das Gefühl hatte, sie wären Monde. Ich dachte, wir sind auf einem anderen Planeten. Diese verrückte Idee passte in meine Wahrnehmung; ich glaube, dass diese Fahrt (im Viehwaggon nach Ausschwitz, PS) das Bewusstsein sehr getrübt hatte und dadurch konnten Gedanken auftauchen, die nicht der normalen Wirklichkeit entsprangen (Lindwer 1990, 155f)"

Die Auseinandersetzung mit diesem Thema ist eine Auseinandersetzung mit den Schatten im Sinne C.G. Jungs. Sein Begriff lässt sich auf die ausgeleuchteten, perfekten Schatten erweitern, auf Schatten, die nur mehr Licht sind. Damit sind Schatten angesprochen, die auch zur Psychodynamik des Engelskomplexes gehören. (Caruso 1952, 82, 121) (Auf die Menschen ohne Schatten infolge perfekter Beleuchtungsinszenierung machte mich Annekatrein Mendel aufmerksam.) Fast scheint es, als verselbständigten sich die Schatten im Österreich der Zweiten Republik, wenn von manchen schon nach einer Dritten Republik geschielt wird.
Erinnern heißt in irgendeiner Form erzählen. Darüber nachzudenken berührt uns in Österreich in besondererWeise, denn es sind jene Kulturen, die eine besonders tiefe Tradition des Erzählens haben, die in Österreich zwischen 1938 und 1945 am meisten verfolgt worden sind: die Kulturen der Juden und der Roma. Erzählen und Erinnern. "Und erinnern rührt an ´nicht vernarbte Wunden´", so heißt es in einem jiddischen Sprichwort. (Stephani 1994, 18)

3. Gedankenbogen: " Wir sind geboren, uns zu erinnern" (H. Böll)

Was ist mit dem Erinnern? Mit dem zweiten Bogen soll der Versuch erbracht werden, ausdrücklich davon zu sprechen.
Für mich als 1946 Geborenen ist "1945 - 2006" die Zeitspanne meines Lebens. Ich war als Nachkriegskind in Wald am Arlberg und erinnere mich an die französischen Besatzungssoldaten, die auf der damals kaum frequentierten Straße zum Arlberg vor dem Spullerseekraftwerk exerzierten. Eine Anweisung des Unterrichtsministers Hurdes kam damals zum Tragen. Es steht in meinem Abschlusszeugnis der 1. Klasse Volksschule der Gegenstand Deutsche Unterrichtssprache, im Zeugnis der 2. Klasse heißt es nur mehr Unterrichtssprache. Erst später wurde aus Deutsch wieder Deutsch.
Die Erinnerung der eigenen Geschichte lehrt die Fragen, die heute aktuell sind, schärfer zu sehen. Heinrich Böll schreibt in seiner so klaren Sprache: " Wir sind geboren, uns zu erinnern. Nicht vergessen, sondern erinnern ist unsere Aufgabe." (Franzke 1985, 153)

Für Sigmund Freud ist das Erinnern eine Voraussetzung, um Zwängen der Geschichte ein Ende zu geben. Er sagt, dass eine Gesellschaft über eine Kultur verfügen sollte, die nicht auf Vergessen und Verdrängen des Vergangenen angewiesen sei. Erinnern hat die Qualität der Bewusstseinserhellung und - Vertiefung. Tiefe klingt vielleicht nach Dunkel. Und psychoanalytisch betrachtet wird das wohl - auch - stimmen. Aber das In - die - Tiefe -gehen bedeutet schlussendlich, zu Dimensionen vorankommen zu können, wo Dunkel und Hell sich treffen.
Ein Blick in die Etymologie soll dienen. Im Spanischen heißt "sich erinnern" recordarse. Das lateinische "cor", das Herz, steckt darin.Und das "re" steht für wiederum, steht für zurück.Was ist ausgedrückt? Zweierlei: Das Herz kommt wieder zurück. Und: Erinnernderweise gelange ich zu ihm zurück. Beim Erinnern ist ja das Innere - seit jeher auch ein Chiffre für das, "was das Herz bewegt" - angesprochen.Dieses "cor" taucht weiters auf bei acuerdo: Recuerdo, ich erinnere mich, acuerdo, ich beginne mich zu erinnern, beziehungsweise ich erinnere mich und ich beginne, mit mir übereinzustimmen: mit der eigenen Vergangenheit. Man verdrängt ja vorwiegend das Unstimmige, also das, womit ich bei mir nicht übereinstimme. Das ist der Kern der Neurose. Das Erleben ist nicht mehr kompakt, nicht mehr in (nicht mehr zu ) "Eins" gebündelt. Das Ich splittert.
Es erfordert Mut, nämlich De-Mut , das erinnerte Unrecht verzeihen zu können.Und offenkundig können es die, die die Fähigkeit zu bereuen nicht ganz verloren haben. Verzeihen ist eine tiefe Form, sein Herz (nicht nur das Herz dessen, dem zu verzeihen versucht wird) wiederzufinden. Elie Wiesel schreibt: "Wer sich nicht erinnern kann, kann auch nicht bereuen und wer nicht bereuen kann, der ist immer in Gefahr, die alten Fehler zu wiederholen. Er kann sich nicht verbessern. (Zegler 1993, 16)

Erinnern heißt, bildlich gesehen, ein Stück Archäologie der Seele zu betreiben. Damit meine ich, dass Schichten freigelegt werden, die in frühe und früheste Lebenszeiten weisen. (Damals kann ein Stück von mir verloren gegangen sein.) Erinnertes weist auf "Verinnertes" (Verinnerlichtes). Das "Als wär´s ein Stück von mir" ist "Ein Stück von mir" (geworden).

Beim Erinnern gibt es die Falle der ausschließlichen Vergangenheitserinnerung. "Wie anders denn Vergangenes erinnern?" möchte vielleicht jemanden fragen. Ich kann mich ja nicht an die Zukunft erinnern. Wirklich: Es klingt science-fiction artig, von Erinnerungen an die Zukunft zu sprechen. Das ist nicht gemeint.Gemeint ist eine Verankerung der Erinnerung, die nicht allein in einem unter chronologischen Gesichtspunkten Abgelaufenen, Festmachbaren besteht, das gleichsam hinter mir liegt. Gemeint ist Etwas, was wie Ahnung oder Hoffnung in ein Zukünftiges weist, das kalendarisch nicht abrufbar ist, sondern eine Gestalt präsentiert, die Vergangenheit erfüllt. Wenn Vergangenes vom Gegenwärtigen splittert, ist Erinnerung tot, wenn Zukünftiges vom Gegenwärtigen splittert, ist Hoffnung tot. Das neurotische Muster besteht ja auch in Fixierung und Abspaltung. Das Vergangene bleibt eingekesselt. Zum Gegenwärtigen hin: "verbrannte Erde". Das Anklinken des Vergangenen an Gegenwärtiges könnte sich als zu riskant herausstellen. Insofern stimmte das vielzitierte "Leben ist lebensgefährlich". Und insofern wäre Bruno Bettelheim verständlich, wenn er beklagte, dass der Mensch heute so "lebensmüde" geworden sei, dass er "nur noch leben" wolle (Zysset 1992,4). Wenn Gegenwärtiges aber Vergangenes und Zukünftiges überspannt und die Versuchung, Vergangenes auf Verflossenes, verflossen Zeitliches einzuengen, erkannt wird, dann wird der seelische Ort bereit und weit, wird offen, und Erinnern wird fruchtbar.

Wohnstatt der Erinnerung ist nicht nur das Gedächtnis (die mentale kognitive Agentur), sondern der ganze Mensch. Engrammatiken gibt es überall, jede Zelle ist erinnert. Das erklärt vielleicht auch die Funktion des Körpers in der Liturgie. Auch beim Talmudlernen ist der ganze Körper erinnernd "da" und der Gläubige schaukelt dabei. Erinnerung will also nicht kognitiv abgelesen, sondern erlebt sein. Dieses holistische Moment (wenn ich es so bezeichnen darf) ist nicht einfach "da", es wächst konzentrischen Kreisen gleich und ist der Einsicht nahe, ja es scheint, als wäre das Ein- Sehen und das Erinnern Geschwister.

Elie Wiesel hat diesem Ein-Sehen sein Lebenswerk gewidmet. Ihm ist es in seinem Werk "Der Vergessene"(1989) gelungen, die Seele als ein Skript, in welches Eltern, Geschwister, Ehepartner, Kinder, Freunde, Lehrer, all die Bücher, Bilder und Landschaften …, bewusst wie unbewusst eingeschrieben sind, darzustellen. Wiesels Werk "Der Vergessene" gemahnt an Jesaia. Dort steht: "Mache am hellen Mittag deine Schatten gleich der Nacht; verbirg die Versprengten, verrate die Flüchtlinge nicht!"
Am hellen Mittag die Schatten gleich der Nacht zu machen, ist paradox. Doch die Einung, der die Erinnerung vorausgeht, kennt solche Paradoxa, kennt die "Logik der Unlogik". Das Erinnern erst ermöglicht es, das Widersprüchliche auf die Stufe hin mutieren zu lassen, auf der ein neues Niveau besteht, das dialektische Spannungen von früher so fasst, dass die Polarität aufgehoben (und dabei ausgehalten) ist. Nicht aufgehoben im Sinne von "aufgelöst", sondern "aufgehoben" im Sinne einer fruchtbaren Form des Darin-enthalten-seins (in diesem neuen Niveau).

Ein Schlussgedanke

Der Weg des Erinnerns als bewusster werdender Verbindung von Innen und Außen ist mit dem Weg einer Flaschenpost vergleichbar, auch mit dem Weg eines Schiffchens am Webstuhl. Mit der Wollspule fährt es den Lebensrahmen hin und her, fährt von Innen nach Außen, von mir zu dir, fährt hin und zurück, webt unsere Lebensmuster. Die Kommunikationsfähigkeit der Erinnerung ist die Beziehungsfähigkeit von mir zu mir, von mir zum Mitmenschen. Auch wenn in einem Vertriebenen - oder in einem Heimkehrerschicksal Wut, Schmerz, Zorn enthalten sind, so können diese Gefühle vielleicht doch in manchem langsam entschlackt oder sogar umgeschmolzen und in Schritten einem zugewandten In-Beziehung-Setzten dienbar gemacht werden. Ansonsten versteinern die Erinnerungen zu dunklen Schichten - tonnenschwer, oder sie verflüssigen sich und kommen eruptiv, siedendheiß, in einem Vulkanausbruch seelischer Störung, zum Vorschein. Dann überschwemmen sie das Beziehungsland von Ich zu Mir von Ich zu Du. Besonders schwierig ist die Situation, wenn Unwertgefühle (oder verdrängt-erinnerte Schuld) an Schwächere umgeleitet werden.
Die Erinnerung als etwas, das mich ganz berührt, das auch mein Außen berühren darf und soll, ist kommunikabel gewordene Erinnerung. Sie braucht Wut und Zorn nicht zu leugnen, sie muss nur versuchen standzuhalten und die Beziehung nicht abreißen zu lassen. Wenn das nicht gelingt, verkommt Erinnerung zu einem Ort von Betrug, von Abwesenheit des Lebens und erinnert an Goyas schwarze Bilder.
Ist die Erinnerung darin versunken, steht sie nur mehr im Dienst des Entwerdens, um einen Ausdruck des Tiroler Psychoanalytikers Eduard Grünewald, selbst Lagerinsasse im KZ Reichenau, zu gebrauchen. Sie steht nur mehr im Dienst einer grundsätzlichen Distanzierung von allem, was lebendig macht und lebendig erhält. Sie ist nur mehr im Frondienst verdrießlicher Bilder.

Erinnerungen sind Wasserzeichen des Lebens, eingeprägt sind sie - mag sein - vielleicht vergessen und doch sind sie "da": Ein Ereignis, ein rechter Ort, eine gute Psychoanalytikerin, ein gutes Buch, ein lieber Freund, heben mich ans Licht, das Wasserzeichen wird erkennbar. Vergessen - Wirksames ist "da" . So können diese Zeichen Antwort geben: aus mir zu mir kommend. Das ist der tiefere Sinn von "refugium" nach dem sich die "Rechnitzer Flüchtlings und Gedankeninitiative und Stiftung" (REFUGIUS) nennt.

Eingangs begleitete uns der Gschriebenstein. Der Berg bei Rechnitz, der das Erinnern im Namen trägt. Joseph Beruckau, ein Dichter aus New York hinterließ uns ein Gedicht, der uns gemahnt:

Wie Sand
Der einmal Stein war
Bevor er zu Staub wird
Müssen auch wir
An bestimmten Orten
Gewesen sein
Bevor wir weitergehen
Zu anderen."

(zit. in: Joop Roeland, 2006, S. 2)

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- Duden Zitate und Aussprüche. Bearbeitet von W. Scholze - Stubenrecht unter Mitarbeit von M. Dose, W.Eckey, H. Eschmann, J. Folz, D. Mang, Ch. Schrupp, Duden Bd. 12. Mannheim-Leipzig-Wien-Zürich (Duden) 1993
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